WSBK Magny Cours: Die Superbike-WM als One-Man-Show?

Das Spiel ist aus. In Magny Cours holte Jonathan Rea den vierten WM-Titel in Folge. Der Nordire dominiert die Superbike-WM nach Belieben: Satte 135 WM-Punkte hat er vor den letzten vier zu fahrenden Rennen Vorsprung auf Chaz Davies. Teamkollege Tom Sykes liegt als Vierter sogar fast 200 Punkte zurück. Eine solche Dominanz über so einen langen Zeitraum hat es bei den Superbikes lange nicht gegeben. Wir schauen uns den Erfolg des Jonathan Reas genauer an und was er für die World Superbikes bedeutet.

Die ZX10-R macht nicht den Ausschlag

Am Sonntag konnte ich zufällig mithören, wie Rea zusammen mit Pere Riba in der Box das Rennen analysiert. Rea beschrieb Kurve für Kurve sein Gefühl auf dem Bike und das mit einer beeindruckenden Präzision. Er schien sich bei allem, was er auf dem Motorrad fühlt zu 100% sicher zu sein. Das spiegelt seine Grundeinstellung ziemlich gut wider. Wir haben Rea noch zu seinen Honda-Zeiten gefragt, welche Eigenschaften der perfekte Rennfahrer haben muss. Seine Antwort: “Entschlossenheit”. Mit dem konkurrenzfähigen Paket von Kawasaki hat er sich eine Arbeitsweise angeeignet, bei der er keine Kompromisse eingeht. Er gibt auf jeder Strecke von Beginn an alles und kümmert sich nicht um Nebensächlichkeiten. Nur wenn ihn jemand aus seiner Komfort-Zone holt, kann auch bei Rea das Gemüt überkochen. So kamen die Kommentare nach dem ersten Lauf in Brünn zustande oder auch seine Aggressivität im Kampf mit den Yamahas in Donington Park.

Rea bei der WM-Feier mit Riding-Coach Fabien Forêt (2.v.l.) (© Dominik Lack)

Allerdings ist Rea nicht der einzige Faktor des Erfolgsgeheimnisses. Auch seine Crew hat einen großen Anteil an der Dominanz des 31-Jährigen, der im Privatleben übrigens keinen Motorradführerschein hat! So war beispielsweise bei der WM-Feier am Pokertisch nach dem ersten Lauf in Magny Cours niemand anderes als Fabien Forêt eine der Rea-Doubles. Der Supersport-Weltmeister von 2002 (Ten Kate Honda) fungiert als Reas Riding Coach und studiert ihn freitags von der Service-Road aus auf´s genaueste. Mit Pere Riba als Crew-Chief profitiert Rea außerdem von 32 Jahren Rennsport-Erfahrung. Hinzu kommt, dass das Kawasaki-Racing Team und Reas Familie eng miteinander verknüpft sind. So arbeiten die Mechaniker nicht nur am Bike, sondern werden auch mal zu Babysittern für die beiden Rea-Söhne Jake (5) und Tyler (2). Das ermöglicht Jonathan Rea ein Leben nur für den Rennsport und es gibt ihm die Möglichkeit seine zwei Egos unter einen Hut zu bringen: Da ist auf der einen Seite der zielstrebige Rennfahrer, der für viele Fans und Kritiker als wenig charismatisch, dafür aber unheimlich schnell gilt. Auf der anderen Seite steht der liebevolle Familienvater, der seine Söhne mit Stolz heranwachsen sieht. Für ihn stimmt einfach die Balance und das Gesamtpaket. 

Hinter Jonathan Rea ist das Superbike-WM-Feld 2018 recht ausgeglichen (© Dominik Lack)

Vor Saisonbeginn hatte man bei der Dorna arge Befürchtungen, die Kawasakis würden dominieren, doch das ist eigentlich nicht der Fall: Jeder der Top 6-Fahrer konnte gewinnen und wir sahen Siege von den drei Herstellern Kawasaki, Ducati und Yamaha. Dass die Kawasaki ZX10-R Ninja von Natur aus nicht vollends überlegen ist, zeigt zudem die WM-Tabelle: Nach Magny Cours liegen die Kawas in den Top 10 gut gemischt (P1 Rea, P4 Sykes, P10 Razgatlioglu). Chaz Davies und Michael van der Mark kämpfen mit einem Abstand von 26 Punkten zueinander um den Vizetitel. Für die Hersteller kann es demnach nicht darum gehen, Kawasaki zu überholen, sondern einzig und allein Jonny Rea zu entzaubern.

Wie geht es 2019 weiter?

Den Anfang macht Ducati und bringt nächstes Jahr die V4 Panigale an den Start. Gleichzeitig setzt die Marke aus Bologna darauf, dass das MotoGP-Knowhow, das in die Entwicklung eingeflossen ist, dem Neuzugang Alvaro Bautista und dem alten Hasen Chaz Davies zugute kommt. Die Saison 2018 war hingegen mehr oder weniger eine Zeitverschwendung. Wo man im Winter noch mit Titelambitionen in die letzte Zweizylinder-Saison gegangen ist, musste man schnell feststellen, dass die Lücke zu Rea immer noch zu groß ist. 

Jetzt kann Rea ohne den WM-Druck voll aufdrehen
(© Dominik Lack)

Dass sich seit dem nicht viel geändert hat, kann man gut an der Strecke beobachten. Ich habe im freien Training von Magny-Cours in dem schnellen Bergabstück Turn 14-15 gestanden und konnte sehen, wie Marco Melandris Ducati immer noch flattert, sodass er die Linien nicht halten konnte. Gut, man könnte nun sagen, dass gegen derartige Probleme größere Veränderungen vonnöten sind und dass sich das für Ducati in diesem Jahr ohnehin nicht gelohnt hätte. Auch Davies muss weiterhin über das Limit gehen, um ansatzweise eine Chance zu haben Rea zu schlagen. Ab nächstem Jahr gibt es jedoch kein Verstecken mehr. Wenn die Richtung nicht von vornherein stimmt, stehen uns weitere Machtdemonstrationen von Jonathan Rea bevor, zumal von Yamaha keine Wunder zu erwarten sein werden. Der japanische Hersteller hat schließlich mit der MotoGP genug zu tun, da ein Valentino Rossi als neunfacher Weltmeister im Kampf um Platz vier nicht repräsentativ ist. Von Honda, Aprilia, BMW und MV-Agusta können ebenso keine Wunder erwartet werden. Dort ist man weit davon entfernt, mehr Engagement in die Serie zu stecken. Ein Hoffnungsschimmer liegt auf dem frisch gebackenen Europameister Markus Reiterberger, der Gerüchten zufolge auf BMW mit Gulf als Hauptsponsor seine WSBK-Rückkehr vollziehen könnte. Die offizielle Meldung über “Reitis” Zukunft soll kurz bevor stehen. 

 

Erst einmal jedoch gilt es für die Superbike-WM noch zwei weitere Saisonstationen zu absolvieren. Nächste Woche steigt das Debütrennen in Argentinien auf dem Circuit El Villicum. Sowohl für die Fahrer, als auch für die Teams ist die Strecke ein völlig unbeschriebenes Blatt. Zwei Wochen später findet das Finale in Katar statt. Ob Rea auch in den nächsten beiden Events gewinnen kann, bleibt abzuwarten. Nun kann der Weltmeister jedenfalls ohne Druck antreten. Gut möglich, dass seine Siegesserie (er gewann die letzten acht Rennen) weiter geht und dass er die Geschichtsbücher weiterhin umschreibt. 

 

 

Text: Dominik Lack

Fotos: Dominik Lack

 

 

 

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