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Werkstattgespräche – Steve Jenkner über Profis und Karrieren

 


Werkstatttermin. Die Honda NSF100 muss überholt werden. Direkt am Sachsenring bei Racespare. Keine einfache Aufgabe für Steve Jenkner. In der Werkstatt hat der 14jährige Lucas Schaba aus Münzenberg/Hessen, der 2015 im Mini Bike gestartet war, den ehemaligen deutschen Motorradrennfahrer unterstützt und ihm dabei ein paar interessante Fragen gestellt.


Lucas: Ich schraube eigentlich ganz gerne am Bike. Aber ohne Team und Techniker geht nach der Mini- und Pocketbikeklasse nicht mehr viel, oder?
Steve: Da hast du Recht. Aber trotzdem ist es wichtig, selbst Hand anzulegen, damit du dein Motorrad besser verstehst und auch Rückmeldung geben kannst, wenn auf der Strecke Probleme auftreten. Häufig kann man diese technisch beheben. Aber man muss das Problem auch beschreiben können, sonst sucht dein Schrauber die Nadel im Heuhaufen.

Lucas: Wir hatten einige Reparaturen in diesem Jahr. Auf was muss man bei der Honda NSF100 besonders achten?
Steve: Eigentlich ist das ein problemloses Bike. Aber da die Motorräder mehrere Jahre genutzt werden, sollte der Motor hin und wieder überholt werden.

Lucas: Oben in deinem Regal steht ein Minibike. Das sieht aber ein bisschen anders aus als unsere Maschinen. Die wird aber nicht mehr gefahren, oder?
Steve: Nein, die steht schon einige Jahre still. Aber irgendwann möchte ich Sie wieder zum Laufen bringen. Das ist ein fast kompletter Eigenbau.

Lucas: Das heißt, du bist selbst einmal Minibike gefahren? Oder auch schon Pocketbike? Wie alt warst du da?
Steve: Pocketbike bin ich nicht gefahren, aber Minibike. Das war 1989. Ich habe mit 13 Jahren angefangen.

Lucas: Ist ja cool und heute bist du immer noch dabei und hast uns an den Rennstrecken betreut. Jetzt siehst du alles aus einer anderen Perspektive. Was hat sich denn verändert seit damals?
Steve: Na ja, mit meinem Eigenbau könnte ich jetzt nicht mehr antreten. Alle fahren nun die gleiche Maschine. Das ist auch gut so, damit sind die Leistungen auch vergleichbar. Generell ist selbst bei den Jüngsten schon ein hohes Maß an Professionalität gefragt, um vorne mitfahren zu können. Ihr müsst eine ganze Menge leisten. Auf der anderen Seite ist heute alles besser organisiert und viel sicherer auf und an den Rennstrecken. Leider ist der Rennsport auch richtig kostspielig geworden. Für viele Familien ist es schwierig, so einen teuren Sport zu finanzieren.

 

 
Nun aber erstmal weiter mit dem Interview von Lucas und Steve…


Lucas: Ich bin über Schnupperstunden unseres Motorsportclubs auf einem Baumarktparkplatz zum Motorradsport gekommen. Da habe ich meine ersten Runden gedreht – mit zehn Jahren erst, da ist man heute ja schon fast zu alt, um damit anzufangen. Wie bist du zum Motorsport gekommen?
Steve: Hey, ich lebe mitten auf dem alten Sachsenring. Da fährt man einfach Motorrad. Heute fängt der Nachwuchs gewöhnlich etwas früher an, aber mit genug Talent und Ehrgeiz klappt es auch mit zehn Jahren.

Lucas: Und du hast es so toll gefunden, dass du das immer weiter machen wolltest?
Steve: Es wird ja auch nie langweilig. Jeden Tag lernt man mehr und ganz neue unterschiedliche Dinge. Nicht nur das Fahrerische ist wichtig. Erfolgreiche Fahrer müssen lernen, sich zu präsentieren, verschiedene Sprachen kommen hinzu, wenn man international unterwegs ist, der Teamgeist, die Menschen – alles sehr spannend, finde ich.

Lucas: Dein Beruf ist aber nicht Motorradrennfahrer oder Motorradmechaniker, oder? Alle Jungs wollen MotoGP fahren. Das ist ja auch o.k., aber ich wäre schon froh, später einmal einen Job zu haben, der irgendwas mit dem Motorradsport zu tun hat. Das fände ich schon klasse. 
Steve: Und was stellst du dir da so vor? Ich habe übrigens Gas- und Wasserinstallateur gelernt.

Lucas: Weiß ich noch nicht. Da gibt es bestimmt viele Möglichkeiten. Du bist Chef von Racespare. Aber du machst noch mehr. Ich habe dich häufig bei der IDM gesehen. Was kann man denn sonst so machen? Gibt es im Motorradrennsport überhaupt Jobs, von denen man leben kann?
Steve: Die gibt es sicherlich: Journalisten, Techniker, Therapeuten … Es erfordert aber enorme Flexibilität, Reisebereitschaft und ständiges Lernen. 

Lucas: Ich weiß zwar gerne, wie etwas funktioniert und helfe auch, aber den ganzen Tag in der Werkstatt – dafür bin ich zu hibbelig. Zu dem Thema: Was müssen wir jetzt noch machen?
Steve: Bevor ich jemanden auf die Strecke lasse, kontrolliere ich immer noch einmal die wichtigsten Schrauben, zum Beispiel Radachsen und Bremsen – das ist so eine Gewohnheit. Also los …

Lucas: Ich habe nun das Minibike hinter mir. Ich hatte Glück, dass ich solange fahren konnte, weil ich relativ klein bin. Viele sind bereits auf die größeren Maschinen umgestiegen. Du bist der Profi. Wie findet man den richtigen Weg, die richtige Maschine, das richtige Team? Wie soll man das alles herausfinden?
Steve: Das hängt stark vom jeweiligen Ziel der Körperstatur und natürlich von Budget ab, das dir zur Verfügung steht. Besser ist auf jeden Fall, mit günstigen Bikes mehr zu trainieren als mit kostspieligen wenig fahren zu können.

Lucas: Ich habe dich gegoogelt. 
Steve: Und was ist dabei herausgekommen?

Lucas: Du hast echt viel erlebt. An was erinnerst du dich gerne?
Steve: An die Jahre 2003 und 2004 als Top-5-Fahrer in der WM Tabelle, an Marco Simoncelli als Teamkollegen aber auch an die Zeit als Reifentechniker zum Beispiel mit Casey Stoner. 

Lucas: Gibt es was, was du anders machen würdest, wenn du nochmal die Chance hättest?
Steve: Vielleicht würde ich mit Teams härter verhandeln und mich noch mehr auf die Sponsorensuche konzentrieren. Ansonsten bedauere ich nicht viel.

Lucas: Ich stelle mir es echt schwer vor, wenn du da mitgefahren bist, irgendwann aufzuhören. Das ist ja grausam …
Steve: Es hat alles seine Zeit. Ich war 15 Jahre Fahrer und Techniker und bei jedem Rennen mit dabei. Und der Sachsenring ist sowieso vor meiner Haustüre. Das Reisen kann auch müde machen.

Lucas: Aber im nächsten Jahr gehst du wieder auf Reisen – vor allen Dingen nach Spanien und Schweden?
Steve: Ja, im November  war ich bereits beim großen Superbike-Test in Jerez. Ich habe als Fahrwerkstechniker für Öhlins an der Honda CBR 1000RR von Nicky Hayden gearbeitet. Wir werden die gesamte Superbike-WM 2016 zusammenarbeiten. Das macht sehr viel Spaß und man lernt eine Menge dazu. 

Steve: So, hier ein Lappen. Maschine putzen, abbocken und Proberunde fahren.

Lucas: Spitze, danke!

Steve: Hat Spaß gemacht mit dir zu schrauben. Das ist selten so kurzweilig. 

Lucas: Das hast du jetzt gesagt. Ich komme gerne wieder! Danke dir. Wieder viel gelernt!

 

 

 

 
Text: Projekt 64 Grad, Doreen Müller
 
Fotos: Projekt 64 Grad

 

 

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