Background: Zwei Brüder mit Benzin im Blut „Iannone Rules“

 
 

Es ist an einem heißen Junitag, als dieser junge Mann uns in Mugello das erste Mal bewusst ins Auge sticht. In legerer Freizeitkleidung und mit Sonnenbrille getarnt, marschiert er zielstrebig durch das Fahrerlager auf das Motorhome der Iannones zu. Fans rufen nach „Andrea“ und stoppen ihn auf seinem Weg, bitten nach Autogrammen und Fotos, was er lächelnd mitmacht. Dass ihm das bewusst auffiele, dass er ab und an einmal mit seinem jüngeren Bruder verwechselt wird, könne er nicht behaupten, erzählt er uns wenig später zum Saisonfinale in Valencia lächelnd. Wer die beiden Brüder gemeinsam erlebt, sieht jedoch sofort dass es sich bei dem sympathischen Italiener um Angelo handelt und nicht um den MotoGP-Piloten Andrea Iannone.


Die ganze Familie ist verrückt nach Motorrädern

Doch auch der zwei Jahre Ältere hat gehörig Benzin in Blut und startete in jungen Jahren seine Laufbahn auf einem Motorrad. Vater Regalino Iannone war stets an der Seite des rasanten Geschwisterpaares und ermöglichte später Andreas Rennsportkarriere. Zu dem Zeitpunkt war Angelo bereits vom Rennvirus infiziert und fuhr unter der Startnummer 2 gegen Piloten wie Simone Corsi, Marco Simoncelli und Andrea Dovizioso. Als er schließlich mit dem Rennsport aufhörte, habe sein Bruder seine damalige Startnummer übernommen und mit seiner Nummer kombiniert, woraus die heutige Startnummer 29 entstanden sei unter der Andrea die Ducati in der MotoGP pilotiert. Eigentlich war die ganze Familie Iannone von jeher verrückt nach Motorrädern. Der jüngere  Andrea begleitete zunächst Angelo als Maskottchen zu den Motorradrennen und folgte ihm überall hin im Fahrerlager. Mittlerweile ist Andrea Iannone seit 2005 Stammpilot in der WM und wechselte nach fünf Jahren bei den 125ccm 2010 in die neu geschaffene Moto2 Serie, wurde dreimal in Folge WM-Dritter und absolviert nun seine zweite Saison für das Ducati Werksteam in der MotoGP. „Meiner Meinung nach hat er immer versucht das Beste aus einem Motorrad herauszuholen,“ beschreibt Angelo die Entwicklung seines Bruders. „In jeder Kategorie in der mein Bruder Rennen gefahren ist und mit jedem Bike mit dem er an den Start ging, hat er sich seine Fähigkeiten zu Nutze gemacht und konnte sich konstant verbessern.“


Rückzug aus dem aktiven Rennsport

Über Angelos Ausstieg aus dem Motorradrennsport wurde schon unterschiedlich berichtet, letztendlich sei jedoch mehr das eigene schwindende Interesse am Rennsport der Grund gewesen, wieso er den Weg nicht weiter verfolgt hätte. „Ich war einfach ein zwölfjähriger Junge und wollte etwas anderes machen,“ erklärte uns der 28-Jährige. „Anders als mein Bruder Andrea zog es mich damals eher zum Fußball und ich spielte bis zu meinem 19 Lebensjahr in einer Medium Pro-Serie in Italien.“ Doch seit Andreas Karrierestart in der WM ist sein Bruder Angelo nun an seiner Seite. Dabei ist der aus Vasto stammende Italiener nicht nur als mentale Stütze vor Ort. „Nun an einem Grandprix -Wochenende wie diesem versuche ich meinen Bruder überall zu unterstützen wo es geht. Ich bin sozusagen seine zweite Hand,“ beschreibt er seine Rolle im Team. „Die meiste Zeit verbringe ich im Pressroom und im Mediacenter. Ich verhandle mit seinen Sponsoren und ich mache so ziemlich alles was es zu tun gibt. Zum Beispiel kümmere ich mich auch um seine Helme und mache solche Dinge, wie sie zu reinigen.“ Und natürlich zählt sein Bruder auch auf Angelos Rat: „Wir sprechen nach jeder Session miteinander, tauschen Meinungen aus und oftmals sehe ich, dass er das gleiche denkt wie ich und die gleichen Ideen hat um eine Lösung zu finden.“ 
 


 
 
Großer Bruder, Unterstützer, Mentor und bester Freund

Doch wie ist die Stimmung untereinander wenn das Endresultat oder die Platzierung nicht so ist, wie man es sich vorgestellt hat? „Wenn sein Rennen nicht so gut lief, warte ich erst einmal ab was Andrea selbst dazu sagt. Später analysieren wir gemeinsam die Situation und schauen, welche Dinge wir in Zukunft ändern können,“ erklärt er. Einfacher sei ihm zu beschreiben was bei einem Sieg oder einer guten Platzierung seines Bruders passiert. Dann gebe es natürlich kein halten bei den Iannones: „Wenn mein Bruder ein gutes Rennen gefahren ist, dann bin ich sofort im Parc Fermé und er bekommt von mir als Erstes eine ganz große Umarmung.“ Die Iannone-Brüder wirken eben wie gute Freunde und ergänzen sich miteinander. Angelo wird dabei oft als der diplomatischere der beiden beschrieben. Andrea hingegen sei eher der impulsivere Typ, der nur ungern verliert und schon einmal explodieren könne, wenn etwas nicht ganz so gut läuft. Auch gegen eigene Landsleute musste man sich hier und da schon einmal durchsetzen.  Wie nach dem Kampf zwischen Valentino Rossi und Andrea auf Phillip Island im vergangenen Jahr, wo sich der Ducati Pilot gegen den damals WM-Führenden durchsetzte und ihm im Titelkampf keinen Vorteil verschaffte. Besonders auch die Schlagzeilen in der italienischen Presse gingen mit dem jüngeren Bruder anschließend hart ins Gericht. „Meiner Meinung nach ist es schon strange was Leute denken und wie sie reagieren,“ beschreibt Angelo uns die Situation nach dem Fight in Phillip Island. „Und eigentlich darf man nicht vergessen worum es in dem Sport geht. Natürlich sind beide Italiener und Landsmänner, aber beide sind auch Motorradrennsportler. Und Andrea fährt für Ducati und seine Sponsoren und Valentino wiederum kämpft für Yamaha und seine Sponsoren um die beste Platzierung und das ist genau das richtige was jeder tut. Jeder fährt sein eigenes Rennen.“

Sie sind, was sie sind – Racer aus Leidenschaft
 
Und auf einmal lächelt der sympathische junge Mann und erzählt uns, dass ihm doch noch eine Situation eingefallen sei, bei der er mit seinem Bruder verwechselt wurde. „Ich glaube die meisten Verwechslungen die es mit den Fans gab, sind die, die Du beobachtet hast. Aber es gab einmal eine witzige Situation bei einem Minimoto-Rennen wo ich noch jünger war wo wir getauscht haben,“ verriet er uns und lacht dabei. „Andrea ist anstatt meiner Stelle an den Start gegangen, was zunächst niemanden aufgefallen ist. Ich war eigentlich eine Sekunde langsamer als mein Bruder und im Rennen war „ich“ auf einmal schneller und erst in dem Moment ist ihnen aufgefallen, dass es Andrea war, der dort fährt und nicht ich,“ berichtet Angelo weiter. „Wenn ich heute noch einmal bei einem Rennen gegen meinen Bruder antreten würde, gäbe dies sicher einen großartigen Kampf, wobei ich nicht sagen kann wer dann von uns beiden gewinnen würde.“
 
 
 
 
 
Interview & Text: Doreen Müller
 
Fotos: Ducati Team, Doreen Müller

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