KTM in der MotoGP: Exklusiv-Interview mit KTM-Motorsportchef Pit Beirer


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KTM-Motorsportchef Pit Beirer war beim Valencia-Debüt ein gefragter Mann. Doch während sich der Grossteil der Pressewelt damals auf die Rennergebnisse stürzte und sich fragte warum oder wie solch oder jenes Problem zu bewerten sei, interessierte uns mehr was hinter dem Projekt KTM steckt, was KTM ausmacht und welche Chancen die Legende des deutschen Motocross-Sports dem GP-Projekt und etwaigen österreichischen Nachwuchsfahrern gibt.

Seit mehreren Jahrzehnten ist KTM im Motorsport aktiv. Nun realisiert Ihr mit Eurem KTM Slogan „Ready to Race“, das womöglich größte Projekt in Eurer Firmengeschichte: den Einstieg in die MotoGP. Was bedeuten Euch diese drei Worte besonders im Hinblick auf diesen großen Schritt?
„Der Slogan „Ready to Race“ ist quasi unsere DNA. Es ist etwas, was wir uns vor Jahren auf die Brust geschrieben haben und zunächst als einfacher Marketingslogan zur Kenntnis genommen wurde. Aber ich denke die Jahre über haben wir bewiesen, dass wir das leben! Unsere Einstellung zum Racing fängt bereits bei unseren Vorständen an, die sind alle „Ready to Race“ und stehen voll und ganz hinter dem Motorsport. Wenn wir etwas anpacken, wollen wir eben nicht nur um Siege fahren, sondern auch alle Produkte rennbereit anbieten. Wir strengen uns an, dass wir dieses Rennsportimage und Wissen was wir haben auch in die Motorräder stecken, die unsere Kunden kaufen können.“

Euer Wissen ist es auch, das Ihr in die RC 16 investiert habt. Die GP-Maschine aus dem Hause KTM fällt besonders dadurch auf, dass Ihr im Gegensatz zu den anderen großen Teams auf die Federung von WP vertraut und auf Euren Gitterstahlrohrrahmen. Aus welchen Gründen stellt Ihr Euch gegen den üblichen Trend in der MotoGP, der Federelemente von Öhlins oder einen Alu-Rahmen vorsieht?
„Das Motorrad entsteht voll und ganz in unserem Werk und als wir 2003 in den Straßenrennsport eingestiegen sind, haben wir uns gesagt wir hören auf mit externen Leuten zu arbeiten, denn man zahlt an irgendwelche Strukturen Geld und hat am Ende nicht wirklich eine eigene KTM da stehen. Als ich 2012 schließlich unsere Mannschaft in die Moto3 führen durfte, war die Bedingung wir machen dies zu Hause mit unseren Ingenieuren und unserer Art Motorräder zu bauen und da gehört der Stahlrahmen und die WP-Suspension dazu. Damals haben mich noch viele ausgelacht, aber als ich im ersten Jahr den Titel geholt habe, hat sich bewiesen, dass man auch auf der Straße mit beidem fahren kann. In der Moto2 hat WP mittlerweile ebenfalls WM-Titel und die Grundlagen sind somit da.“

Nun geht es mit der MotoGP auf eine andere Stufe, wie schätzt Du Euer Material da ein? Ist dies nicht auch mit Risiken verbunden, dass es sich dort nicht bewährt?
„Es  ist natürlich ein höheres Risiko auch dort diesen Weg zu gehen, weil alle anderen bei Öhlins und einem Alu-Chassis bleiben. Doch das ist einfach auch genau unsere Art und dieses „Ready to Race“, in dem wir unseren eigenen Weg finden. Für uns war auch klar, dass wir das Vertrauen der Firma und das Budget nur bekommen, wenn eine KTM an den Start geht ohne sich von einem anderen Team eine GP-Maschine abzukupfern. Wir wollen nicht nur dabei sein um dabei zu sein, sondern um besser zu werden.“

Wo siehst Du den Vorteil Eures Gitterstahlrohrrahmens?
„Unser Vorteil ist, dass wir mit dem Material seit 30 Jahren umgehen und das Wissen dafür haben. Die Stähle haben sich enorm weiter entwickelt hinsichtlich Steifigkeit und Gewicht. Auf der anderen Seite haben wir die Konstrukteure und die Produktion im Haus, das heißt, wenn wir ein neues Chassis bauen wollen, dann können wir so gesehen bereits nächste Woche damit schon fahren.“

    Ist die RC 16 denn ein Bike was Du Dir so vorgestellt hast oder ist sie anders geworden?
    „Die KTM hat sich schon weiter entwickelt, aber wenn ich sie mir vor drei Jahren gewünscht hätte, dann ist sie genau so! In der RC16 steckt all unser Wissen und Herzblut drin, natürlich wird sich das Motorrad weiter entwickeln. Rennen gewinnen ist für uns noch lange nicht möglich, daher ist es für uns erstmal eine Standortbestimmung wichtig. Natürlich bin ich befangen und ich bin verliebt in das Motorrad, aber wir sind auch realistisch.“

    Wo siehst Du nach Eurem Wildcard-Einsatz beim Saisonfinale in Valencia den größten Nachholbedarf bei KTM?
    „Den sehe ich bei den üblichen Sachen im Rennsport, den Rundenzeiten und dem Ergebnis. Am Freitag waren wir schon enttäuscht, mit 2,5 Sekunden Rückstand waren wir langsamer als bei den vorherigen Tests in Valencia. Doch dann kam der Samstag und das gute Qualifying und wir konnten den Wind drehen. Mehr als eine Sekunde schneller, Ziel erreicht. Es war bis zum Ausfall im Rennen alles okay. Wir konnten Wissen sammeln und sind nun bereit den nächsten Schritt zu tun.“

    Welche nächsten Schritte stehen für Euch auf dem Programm, besonders in den kommenden Wochen nach dem ersten offiziellen IRTA-Test?
    „Nach Valencia geht es für das Team nach Jerez, um weitere Daten zu sammeln. Allerdings durfte Pol Espargaro nicht fahren, da er noch seinen Vertrag mit Yamaha hat. Aber Bradley Smith wird dabei sein. Es wird viel geredet, dass dies unfair ist, aber das stimmt nicht! Im Fahrerlager wird viel miteinander gesprochen und wir sind froh das Pol die Möglichkeit hatte, in Valencia schon für uns zu testen.“

    Alle Augen schauen in der kommenden Saison ganz gespannt auf Euch. Wo siehst Du Euch? Was sind Eure Ziele im kommenden Jahr?
    „Der allererste WM Punkt sollte mittelfristig drin sein und dann muss es positionsmäßig nach vorn gehen, denn wir haben das Projekt so aufgestellt, dass wir irgendwann Ergebnisse zeigen müssen! Dennoch müssen wir uns erst einmal reintesten, dann jedoch an die Top Ten rankommen. Es ist aber noch weiter Weg bis dahin.“

    Welche Funktion übernimmst Du im kommenden Jahr bei dem Projekt MotoGP?
    „Ich bin so etwas wie ein Zirkusdirektor und habe noch viele Küken um die ich mich kümmern muss, wie Motocross, Supercross in Amerika, die Rallye, Enduro und den Straßenrennsport. Deshalb ist meine Aufgabe immer die Teams so zusammenzustellen, dass sie autark funktionieren. Ich bin gern dabei, aber ich muss in der Box keine Funktion übernehmen und werde somit immer etwas im Hintergrund zu sehen sein.“

    Mike Leitner, technischer Berater Eures GP-Projektes, sprach einmal davon, dass es auch ein Wunsch von KTM wäre einem österreichischen Fahrer die Chance zugeben in der MotoGP für das KTM Factory Racing Team zu fahren. Wir realistisch ist diese Vorstellung in Anbetracht der Nachwuchssituation in Österreich?
    „Momentan ist es leider nicht realistisch, weil die jungen Fahrer die nachkommen sich nicht mal im Rookies Cup bei den Sichtungen in den Top 50 platziert haben. Wir wollen allerdings auch nicht mit aller Gewalt einen Fahrer bringen, der zu weit von der Spitze entfernt ist. Aber wir werden Sofortmassnahmen einleiten um ganz junge Fahrer zu sichten, um vor der Rookicup-Sichtung eine Auswahl zu haben. Der österreichische Fahrer im GP-Sport wäre nicht nur für die Marke KTM interessant, sondern schon allein für den heimischen Grandprix in Spielberg schön, dort jemand am Start zu haben, der aus Österreich stammt!“

    Habt Ihr bei KTM spezielle Vorstellungen entwickelt wie Eure Unterstützung aussehen soll?
    „Straßenrennsport ist teuer und aufwendig! Es ist schwer Strecken zu bekommen und wir mieten die Strecken sowieso zum Testen an und haben eigene 250er Production-Racer im Haus, quasi solche Cupmotorräder wie wir im ADAC fahren. Wir wollen die besseren Jungs öfters auf Motorrad bekommen. Motocross oder andere Sportarten kann man jede Woche zwei -, dreimal ausüben. Auf der Straße hingegen fahren die Jungs die nächsten 3-4 Monate gar nicht Motorrad, aber man erwartet, dass der Fahrer besser wird, was ohne Training schwierig ist.“

    Unsere letzte Frage richtet sich an den Hobbyracer-Bereich. Wird es in den nächsten Jahren für die Rennsportenthusiasten unter uns eine RC16-Replica geben? 
    „Ja es wird eine Replica geben, aber noch nicht im nächsten Jahr. Es ist eine sehr aufwendige Geschichte und wir werden etwas bauen was sehr nah an der MotoGP-Maschine ist, in limitierter Stückzahl, nicht straßenzugelassen, also eine Rennmaschine für sehr gute Motorradfahrer.“

    …und für Freunde von Printmedien gibt es diesen Beitrag auch in der aktuellen Ausgabe unseres Medienpartners Circuit zu lesen.
    Circuit – Das Fachmagazin für ambitioniertes Hobbyracing.

    Text: Doreen Müller

    Fotos: Mike Lischka, Tobias Linke (Titel)

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