Kolumne zum Barcelona-GP: Wenn Schweigen manchmal besser wäre?

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An dieser Stelle sollte diesmal meine Kolumne aus Barcelona folgen und zeigen wie es so ist ein Wochenende bei der MotoGP als Redakteurin zu erleben. Ich wollte Euch unterhalten mit ein paar kleinen Hintergrundinfos und Momentaufnahmen aus dem Alltag der Medialeute, der anstrengend aber auch sehr witzig sein kann. Doch Dinge die man plant, kann man nicht immer so einhalten. Sachen, die passieren, verändern die Sicht und so wird es eine Kolumne sicherlich, die über den Alltag an der Strecke berichtet, jedoch in einer nicht alltäglichen Situation.

Ein Thema beherrschte in Barcelona die Rennsportwelt, ein Thema was man gern verdrängt womit jeder jedoch unbewusst lebt, wenn er im Rennsportbusiness tätig ist. Unfälle, Stürze, Verletzungen sind die eine Sache, nicht schön doch wenn man wieder aufsteht ist alles andere nur eine Frage der Zeit bis man wieder fit ist. Eine Frage von wenigen Wochen, Tagen bis der Profi wieder auf dem Bike sitzt. Doch wenn man nicht wieder aufsteht, dann bleibt die Zeit bei so einem Grandprix kurz stehen. Auch wenn man live vor Ort ist, kann es passieren dass man nicht als Erster Bescheid weiß, sondern im Moment, im Stress, auf dem Weg von einem Mediatermin zum nächsten davon erwischt wird. In Gedanken schon bei den Fragen, die man dem Piloten stellen möchte: Wie ist Dein Training gelaufen? Warst Du zufrieden? Müsst ihr was ändern? Standards eben. Wird man von etwas nicht standardmäßigem überrascht. Betretene Mienen in den Boxen, Schweigen und dann die erste Info das etwas passiert ist, man jedoch nicht weiss was.

Der Trainingsbericht wird somit zur Nebensache und die Aufklärung nach dem was passiert ist, tritt in den Vordergrund.  Und so begegnet man unterschiedlichen Menschen auf dem Weg zurück ins Pressezentrum, Fotografen die an der Strecke waren aber nicht dort standen wo es passiert ist, Fotografen oder Fans die, die abgesperrte Unfallstelle gesehen haben, Menschen die von einem Helikopter munkeln, Menschen die erzählen die Polizei vor Ort sei und immer wieder hier und da Geraune und Gemurmel, jedoch keine Klarheit. Und plötzlich erreicht einen die Mitteilung einer Sonderpressekonferenz… in 10 Minuten… was keinesfalls was Gutes bedeuten kann und dennoch sagt man zu sich, nein das ist Routine, es ist nichts passiert. Und so reiht man sich ein in die Meute der Medienvertreter, die in ähnlicher Stimmungslage wie einer selbst in den Presseraum strömen, sich platzieren und gespannt warten. Man fängt an Gesichter zu studieren, Mimiken zu deuten und das schlechte Bauchgefühl verstärkt sich. Dann betreten die Mitwirkenden die Bühne, Verantwortungsträger, man erkennt unter den Anwesenden den ein oder anderen Sicherheitsbeauftragten wie Loris Capirossi und an seiner Mimik sieht man, dass eben nicht alles okay ist. 

Die Pressekonferenz beginnt. Ein Statement wird verlesen und darum gebeten keine Fragen zu stellen. Man hört die Worte doch den Sinn dahinter, den versteht man nicht. Die Schockstarre tritt ein und verlässt einen die nächsten Minuten und Stunden nur langsam. Erste mehrere Zigaretten und paar Ruheminuten später sickert das Ganze durch. Was ist hier nur passiert? Wieso hier? Wieso heute? Wieso jetzt? Wieso an dieser Stelle? Wieso diese Person? Es gibt so viele Fragen und die Suche nach der Antwort beginnt. Man erinnert sich an die vergangenen Stunden, was man tun wollte, mit wem man sprechen wollte und bereut dieses oder jenes Gespräch vielleicht mit dem Betreffenden nicht geführt zu haben. Man denkt daran als man selbst zu Fuss auf der Strecke genau an dieser Stelle, wo es passiert ist einen Tag zuvor unterwegs war und in dem Moment noch über die vorbeifahrenden, mit dem Roller Kunststückchen machenden Piloten gelacht zu haben. Doch plötzlich ist kein Lachen mehr, alles ist Ernst. Das Telefon klingelt unentwegt, weil jeder wissen möchte was passiert ist. Die Infos sind noch nicht nach draussen gedrungen, die Welt ist noch nicht informiert. Denn die, die informieren wissen nicht wie sie es am besten tun sollen. Und doch ist genau dies unser Job. Und so überlege auch ich was schreiben soll? 

An Tagen wie diesen hat man nicht im entferntesten Lust auch nur ein Wort zu Papier zu bringen, denn es trifft nie den Kern der Wahrheit. Es wird nie den Verlust derer ersetzen, die einen Menschen an jenem Tag verloren haben. Und so streift man, eine Zigarette nach der anderen rauchend durch die Wege des Fahrerlagers und beobachtet anderer Medienvertreter, die weniger darüber nachdenken was passiert ist, sondern sich direkt um ein Interview mit dem Team bemühen. Doch so abgeklärt bin ich in dem Moment nicht. Und man sieht Menschen, die nicht im entferntesten ahnen was da eben passiert ist. Und man trifft auch auf Menschen für die dies längst zum Alltag, zum Job, zur „Routine“ dazu gehört.

Es gehört dazu, dass auf jeder Eintrittskarte und auf jedem Pass geschrieben steht „Motorsport can be dangerous“. Es gehört dazu als Medienvertreter eine Enthaftung zu unterschreiben in der man erklärt, dass man sich der Risiken, die diese Tätigkeit mit sich bringt bewusst ist. Doch man unterschreibt es, man liest es eben weil es dazu gehört. Jeder, der nur annähernd mit dem Rennsport zu tun hat, weiß wie gefährlich es ist, weiß wie viele Risiken eingegangen werden, weiß wie dicht man am Limit ist, ständig, jeden Tag und jede Tausendstelsekunde! Es braucht keinen Außenstehenden, der einen darauf hinweist. Es braucht keine Menschen, die uns sagen: Das ist das Berufsrisiko und damit muss man leben. Wir wissen das! Doch wir sind alle Meister im verdrängen, bis an dem Punkt wo eben dies nicht mehr geht. Bis zum 05.September 2010, bis zum 23. Oktober 2011 und bis zum vergangenen Freitag!

Der Unterschied diesmal für viele jedoch ist, dass man viel Zeit vor Ort hat darüber nachzudenken, es eben nicht in einem Rennen passierte, was darauf abgebrochen wurde, sondern am Anfang eines ganzen Wochenendes. Canceln oder weitermachen? The Show must go on! Schließlich wird dies zumindest erwartet, zumindest reden wir uns alle dies ein. Aber kann die Show einfach weiter gehen? So kommt man normal wie jeden Tag Samstag zurück an die Strecke, geht normal wie jeden Tag ins Media Center, richtet seinen Platz ein, holt sich die aktuellen Zeitenlisten, macht sich einen Plan für den Tag. Alles läuft routinemäßig an, alles ist das Gleiche wie immer und irgendwo ist es das auch nicht, denn nach den gelaufenen Trainings und Qualifyings fühlt man sich nahezu unwohl zu den Akteuren hinzugehen und sein Mikro unter die Nase zu halten. Und doch tut man es, weil es irgendwo auch getan werden muss, denn schließlich will die Welt nicht auf Antworten verzichten. Aber man überlegt genauer, welche Frage man stellt, wie man sie stellt und wann man einen Fahrer damit konfrontiert. Es herrscht nahezu ein stilles Einvernehmen sich respektvoll zu verhalten, sich zurückhaltender als sonst zu bewegen, etwas was nicht jedem gelingt, denn zu viele Fragen sind nach so einem Unglück offen und zu viele Spekulationen stehen bereits 24 Stunden später im Raum. Es sind viele Emotionen im Umlauf, neben Trauer auch Wut, wenn sich ein Reporter in der Fragestellung vertut. Und so erlebt man zum Beispiel sonst zurückhaltende Piloten, die auch einmal aus der Haut fahren und man selbst schwankt zwischen Applaus für den Agierenden und Wut über den Fragenden und Verständnis für die Situation, warum vielleicht genau diese unangenehme Frage gestellt werden musste.

Man könnte noch so vieles Schreiben was sich hinter den Kulissen abspielt und bei vielen Dingen würde wahrscheinlich jeder Otto-normal-Rennsportenthusiast vom Glauben abfallen. Man könnte, aber man muss es nicht. Denn was nützt es einem wie Shoya Tomizawa, Marco Simoncelli, dem erst 24-jährigen Luis Salom, all den vielen anderen Road Racern und verstorbenen TT-Piloten, wenn wir alles in der Luft zerreißen? Was bringt diese Menschen wieder? Und was ändert etwas an der Tatsache, dass sie bei dem verstorben sind, was ihnen im Leben am meisten bedeutet hat und auch uns am meisten bedeutet? Es ändert nichts an all dem und so sollte man manches ausdrücken, aber vielleicht bei manchem auch einfach schweigen.

Denn vielleicht haben die Betreffenden wirklich verstanden was wichtig ist im Leben und was zählt. Und manchmal ist dies eben nicht der eigene Ehrgeiz und eine verlorene Meisterschaft, egal wie ärgerlich und unfair das Ganze wahr. Manchmal zählt einfach das man am Leben ist und das ausüben kann was man liebt. Manchmal überwiegt mehr das Gefühl, dass man da nicht allein ist mit dem was man tut und denkt und manchmal sollte man auch einfach daran glauben, dass nach monatelanger Eiszeit eine kleine Geste, ein Händeschütteln, ein Schulterklopfen und ein kleines „Ja!“ in dem Moment Ernst gemeint ist und es das es trotz aller Rivalitäten auf der Strecke ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der MotoGP-Familie wirklich gibt!

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In Gedenken an Luis Salom verstorben am Freitag
auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya.

 

 Text: Doreen Müller

Foto: Doreen Müller, Karina Homilius

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Kommentare (2)

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    Godber

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    Ein sehr schöner Artikel, einfühlsam und persönlich.
    Manchmal kommt die Trauer wieder hoch – und dennoch steigen wir morgen wieder aufs Motorrad und spulen usnere Runden ab.

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    Ronny

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    Danke Doreen!
    Deine Kolumne zeigt genauso wie deine Berichte nicht nur Fakten, sondern auch wahre Liebe zum Sport.
    Mein Beileid und Mitgefühl gehört nicht nur den Angehörigen, sondern auch den Teams.
    Auch sie sind Teil dieser Familie.
    Ich wünsche mir, daß ihr Tun, Streben, die Höhen und Tiefen tief in unserem Innern weiterleben.
    Wir werden euch nie vergessen, ihr seid unsere Familie, egal an welchem Ort auf diesem Planeten.

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