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Kolumne: Was wäre, wenn wir auf den Sachsenring verzichten

„Jonas Folger wurde für diesen zweiten Platz gefeiert, wie der Sieger, ja, wie ein Weltmeister. Seine Freude unter dem Helm zu sehen: Erneut der Auslöser für viele, viele Freudentränen.  Und daran war nicht nur seine Leistung schuld, sondern vor allem eben die geile Stimmung, die Fans am Sachsenring in den Äther zauberten.  Die Fans, die dieses Jahr weniger an den Ring kamen, wurden locker durch die Kehlen aller anwesenden ersetzt. Besser hätte das Wochenende kaum enden können. Denn nebst dem Folger-Podest gab es von allen Fahrern höchstes Lob für den neuen Asphalt“. 

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Auch so kann ein Resümee über das vergangene Wochenende am Sachsenring klingen, geschrieben von Toni Börner auf Motorsport.com. Mit dieser Einleitung breche ich ein journalistisches Tabu, denn normalerweise rezitiert man keine Artikel anderer Kollegen in einer eigenen Kolumne.

Aber normalerweise kopiert man nicht Querschnitte negativer Kommentare, ohne positive Wortmeldungen zu berücksichtigen in einen zusammen gewürfelten Text und nennt dies dann recherchierte, journalistische Arbeit. Anscheinend ist diese Arbeitsweise zurzeit gerade Hipp und so werdet auch Ihr in dieser Kolumne irgendwo einen Facebook-Kommentar entdecken.

Zuerst möchte ich jedoch darauf hinweisen, was am vergangen Wochenende denn noch so ganz nebenbei passiert ist und damit enden, warum wir trotz beschrienem Desaster in Sachsen, den Sachsenring brauchen.

Es war ein Motorradwettkampf auf höchstem Niveau, der gelungen ist! 77.000 Fans am Sonntag haben diesen Tag zu einem Fest gemacht und zahlreiche ehrenamtliche Kräfte ermöglichten das Gelingen der größten Rennsportveranstaltung Deutschlands. Nicht zuletzt hatte der deutsche Nachwuchs die Möglichkeit sich zu präsentieren. Aber liest man irgendwo davon? Geht jemand auf diese Personen ein oder wird vielmehr immer wieder um das eine leidige Thema gestritten?

Auch ich könnte berichten, was alles nicht funktioniert hat. Ich hatte ebenso meinen Affentanz mit dem einen oder anderen Ordner. Doch dies ist kein Sachsenringproblem,  sondern eher ein „Ich-bin-Security-und-habe-dicke Eier-Geschichte“. Wie oft habe ich mich schon über Ordner bei anderen Rennsportveranstaltungen geärgert. Dieses Problem gibt es zumindest schon mal nicht nur in Sachsen! Aber es ist eines der Dinge, die man definitiv überall, auf jeder Rennstrecke präventiv angehen kann. Dennoch sind pardon – „solche Arschgeigen“ – nie das Spiegelbild einer ganzen Veranstaltung.

Wenn dies so wäre tut man denen, die stets freundlich sind, sich Mühe geben und ihre Freizeit opfern, Unrecht und tritt ihnen mit Verallgemeinerungen ins Gesicht, wie die Reaktionen heute zeigten. „Ich lade die Kritiker gerne mal ein, dort am Wochenende zu arbeiten. Ob als Streckenposten, wie wir, ob als Ordner oder Catering etc. Für mich sind solche Artikel schon ein Schlag ins Gesicht. Natürlich ist nicht alles rosig, aber ich habe letztes Wochenende einen richtig geilen Grand Prix gesehen, mit allem was dazugehört,“ so Jonas Rascher.

Die Familie Rascher gehört quasi zu den Urgesteinen am Sachsenring  und reist in ihrer Freizeit als Streckenposten seit 7 Jahren an alle möglichen Strecken zur MotoGP, IDM, IRRC, Superbike WM und den ADAC Minibikern. Es sind Rennsportfans, die selbst am Kabel ziehen und auch selbst Leser derjenigen Medien, die mit ihrer Berichterstattung ihre Arbeit schlecht machen ohne mit ihnen je gesprochen zu haben und sie mal zu fragen, wie es war. Hat sich denn schon mal jemand für die Arbeit eines Helfers oder Streckenpostens interessiert? Nein? Dann wird es Zeit! Denn ohne diese Menschen an der Strecke gäbe es nirgendwo auf der Welt auch nur ein Rennen!

Ohne die Ehrenamtler ginge nichts! Auch sie sind „der Ring“!

„Wir, die wir den Event seit 20 Jahren durchziehen, lassen uns niemals unterkriegen! Es ist jedes Jahr eine neue Herausforderung diesen Grand Prix zu stemmen. Die Vögel die krächzen tun leider oftmals nichts dazu um wirklich zu unterstützen,“ meinte Vater Jörg heute, langjähriger Streckenposten und selbst aktiver Rennsportler im Klassik-Bereich.

Neben den zahlreichen Helfern haben wir noch diejenigen auf der anderen Seite der Airfence. Viele kleine junge Talente, die Mal Rossi, Marquez oder spätestens seit Sonntag wie Jonas Folger werden wollen und für die ihre Heimstrecke wichtig für die Entwicklung der rennsportlichen Zukunft ist. Warum?

Darauf hat Dirk Reissmann (ehem. aktiver Rennfahrer – heute Teammanager der „Racing Academy Sachsenring“) eine Antwort: „Auch für mich hatte der Sachsenring eine Bedeutung und begründet meine Anfänge, denn man wächst hier mit dem Motorsport auf. Zudem ist in unserer Region die Medienpräsenz höher, was dazu beiträgt, dass das Interesse der Eltern für den Sport geweckt wird. Besonders in unserer Region haben wir heute viel Nachwuchs, der Motorradstraßenrennsport betreibt, worüber ich sehr froh bin! Dadurch haben wir die Möglichkeit auch durch die gute Arbeit des AMC im Pocken- und Minibikecup in den nächsten Jahren eine gute Basis aufzubauen,“ erklärte mir der erste deutsche Gesamtmeister in der 125er Klasse bei einem ausführlichen Telefonat.

Wo geht Nachwuchsförderung besser als in einer Region, die sich permanent mit Rennsport beschäftigt, ein Leistungszentrum vor Ort hat und lange um eine Trainingsmöglichkeit kämpfte, wie sie jetzt in Mülsen entsteht? Wer braucht Sachsen? Wir brauchen Sachsen, der Nachwuchs braucht Sachsen.

Einmal fragte mich Julian Thomas, MotoGP Pressemanger des Ducati-Teams: „Ich habe das Gefühl es kommen irgendwie alle aus dem Pressezentrum aus Sachsen. Wieso ist das so?“ Für einen Großteil stimmt dies, denn hier ist man auch in der Nebensaison nah am Rennsport dran! Doch, wie ist dies in anderen Regionen? In der Lausitz? Am Nürburgring? Gibt es da ein Interesse für Nachwuchs? Würde man sich dort derart um nachkommende Folgers bemühen?

Versteht mich nicht falsch, ich habe keine Angst wenn der GP woanders hinzieht. Ich weiß, dass es definitiv nicht dasselbe wäre. Mit großer Wahrscheinlichkeit zähle ich zu den Loyalisten, die einen GP anderswo in Deutschland nicht besuchen würden. Denn die MotoGP bietet noch viele andere Austragungsorte, die ich gerne besuche und für ihre Atmosphäre schätze: z.B. Jerez, Mugello, Misano, Brünn, Assen und wieso nicht mal nach Sepang? Damit könnte ich gut leben. Womit ich nicht leben kann ist, was das  alles nach sich ziehen würde, denn mein Klatschpressen-Herz hängt an unserem Nachwuchs!!

Dirk Reissmann mit Freddie Heinrich in Spanien

„Es hat sich in den letzten Jahren in dem Bereich viel entwickelt und wen man in den jungen Jahren nicht anfängt, dann ist es schon aussichtslos, dass die Talente in der WM landen,“ brachte Reissmann es auf den Punkt. „Am Sachsenring wurde eine gute Basis geschaffen und wir haben mittlerweile auch technisches Material, mit dem die Kinder fahren können. Ich hoffe hier auch auf die Motorsportarena in Mülsen, dass wir dort bald trainieren können, denn dies wird man letztendlich auch an der Qualität der Fahrer sehen. Bereits jetzt arbeitet der Nachwuchs schon ganz anders als noch vor 5 Jahren, was man ansatzweise vielleicht mit dem Weg von Jonas Folger vergleichen kann, der in den ersten Jahren vom Minibike über Spanien seinen Weg in die WM gefunden hat. Es gibt nicht viele Talente in Deutschland aber die, die wir haben müssen wir gut fördern, um eine Chance zu haben es bis an die Spitze zu schaffen!“ Doch wie wollen wir das tun, wenn wir ständig den Blick dafür verlieren, was das eine mit dem anderen zu tun hat?

Marvin Siebdrath

Mit Marvin Siebdrath und Paul Fröde fahren z.B. im ADAC Northern Europe Cup, unterstützt von dem Moto2-Team Intact GP zwei sächsische Talente. Joshua Bauer ist in Spanien unter der Ägide von Estrellas Galicia unterwegs, auch Nicolas Czyba und Freddie Heinrich versuchen ihren Weg in der spanischen Meisterschaft. Wenige Jungs, die die Grundschnelligkeit mitbringen um es erst einmal eine Stufe weiter zu schaffen auf dem Weg (vielleicht) in die Weltmeisterschaft. Fragen wir doch sie einmal, was der Sachsenring für sie bedeutet.

„Der Sachsenring spielt schon eine große Rolle für mich – ich lebe nur wenige Kilometer entfernt und bereits mit 4 Jahren habe ich hier schon die MotoGP als Zuschauer verfolgt“, so Marvin Siebdrath. „Das Heimrennen auf dem Sachsenring bedeutet mir sehr viel! Ich habe hier bei einem Schnupperkurs meine ersten Runden mit dem Pocketbike gedreht.“

Marie Mende

Marie Mende aus Gersdorf ist eine der wenigen weiblichen Rennamzonen im Nachwuchsbereich und hat ebenfalls eine große Verbundenheit zum Sachsenring. „Der Sachsenring hat für mich eine besondere Bedeutung, nicht nur weil ich nur fünf Minuten davon entfernt wohne und dort auch oft trainieren kann, auch die Atmosphäre ist immer etwas besonderes.“

Kevin und Leon Orgis

„Im Grunde genommen liegt am Sachsenring der Ursprung meiner ganzen Rennsportkarriere, denn früher haben wir unserem Papa dort beim fahren zugeschaut. Im ADAC Minibike Cup fuhr ich 2011 das erste Mal auf dem Sachsenring, oder zumindest auf einem Teil davon und konnte einen Sieg holen, “ erzählte mir Kevin Orgis jüngst und auch Bruder Leon hatte eine klare Meinung zu seiner Heimstrecke. „Ich fand schon immer, dass es eine schöne Strecke ist und ich mag sie sehr. Es ist für viele Nachwuchsfahrer das Highlight des Jahres.“ Die zwei Arnsdorfer sind keinesfalls Nasenbohrer. Kevin Orgis ist einer von nur zwei Deutschen, die bei der Sichtung des Red Bull Rookies Cup überzeugen konnten und gemeinsam mit Matthias Meggle in der Top Ten mitfahren.

Kevin Orgis setzte sich im Rookies Cup durch

Orgis holte auf dem Sachsenring sein erstes Podium mit Platz zwei und konnte auch im NEC aufs Treppchen fahren. Auch das ist das Rahmenprogramm am Sachsenring gewesen. Wenn man es denn mitbekommen!

Ohne den Sachsenring wird es der Nachwuchs schwer haben!

Ganz ungezwungen. Typisch sächsisch eben! Philipp mit seinem „Rennsportpatenkind“

Die aktuelle Fehde gegen den Sachsenring, denn anders kann ich es gar nicht mehr bezeichnen, ist leider ein gutes Beispiel dafür wie die Medienwelt oder die Lage zur Nation in Sachen Rennsport ist. Es wird gemeckert, geschimpft, gehauen, getreten und als einzige Lösung nur angeboten: Wechselt den Veranstalter! Geht auf eine andere Strecke! Als ob anderswo die Probleme kleiner wären oder es schlagartig einfacher wäre eine so große Veranstaltung im „rennsportscheuen Deutschland“ zu organisieren. Es hat nicht jeder einen Herren Mateschitz oder Herrn Abraham an der Hand, der für Support sorgt. Wir bekommen es ja noch nicht mal hin, regelmäßig über Motorradrennen im TV zu berichten und das Interesse für Sponsoren zu erhöhen! Und da sollen sie laut juhuu schreien, wenn der Grandprix in eine Region wandern würde, die bisher eher für Formel 1 und Co. bekannt war?

Es kann einfach nicht sein, dass die einzige Lösung darin besteht Serien wie die IDM, Strecken wie den Sachsenring, deutsche Fahrer wie Cortese  wenn er keine Leistung bringt in wochenlangen Tiraden schlecht zu machen. In keinem anderen Land der Welt wird so mit dem Grandprix oder seinen eigenen Sportlern umgegangen. In keinem anderen Land wird das Drumherum so vernachlässigt und beteiligte Menschen so außer Acht gelassen, wie bei uns. Es kann nicht sein, dass man Tradition mit Füßen treten will.

Wir brauchen Meinung und Lösungsvorschläge im Rennsport aber wir brauchen keine Stimmungsmache!

Ich denke, die SRM wird von allein gemerkt haben was geht und was nicht geht, denn nicht ohne Grund haben sie zügig eine Umfrage veröffentlicht, die es erlaubt anständig seine Meinung abzugeben: Befragung zum Motorrad Grandprix am Sachsenring. Von Service über Anfahrt bis Eintrittspreise, hier kann man zu allem seine Meinung abgeben. Sinnvoller als jeglicher Facebook-Kommentare, wie ich finde und schon allein deswegen sollte man an der Umfrage noch bis 17. Juli 2017 teilnehmen und so dem Veranstalter die Möglichkeit geben es nächstes Jahr besser zu machen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Ausrichter der MotoGP auch ganz gut ohne einen GP in Deutschland leben könnte. Anwerber, die sich um die MotoGP reißen, gibt es schließlich genug und wollen wir das denn wirklich?

Am Ende meiner Kolumnen bin ich oft ja versöhnlich, diesmal mag mir das bei besten Willen nicht wirklich gelingen, denn mich trifft der Punkt selbst an meiner Schwachstelle. Und da Facebook-Kommentare rezitieren in Mode ist, lasse ich zum Abschluss diesmal ein Zitat stehen: „Das ist wirklich traurig, dass man seine privaten Befindlichkeiten öffentlich austragen muss (…)  Ich habe selten so persönlich herabwürdigende Artikel gelesen und mehr als zwei Jahrzehnte nach der Einheit von Ossi und Wessi zu sprechen und das ernst zu meinen … da fehlen mir die Worte.“

 

Text: Doreen Müller

Foto: Dominik Lack (Titel), Tobias Linke (Podium),
Mike Lischka (Philipp Öttl),
Privatarchive der abgebild. Personen

 

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Kommentare (1)

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    S. Weiss

    |

    Interessanter Beitrag, aber zum Thema Nachwuchsförderung am Sachsenring kann ich leider nicht ganz folgen.
    War es nicht gerade der Sachsenring-Veranstalter, der es 2016 zur MotoGP nicht mal geschafft hat, die Nachwuchsrennen Junior Cup und NEC auf die Großbildschirme live zu übertragen? Wir waren gerade deshalb am Sari – und haben trotz richtigem „Sauwetters“ ausgeharrt bis zum Schluss – um dann erkennen zu müssen, dass diese beiden Rennserien nicht übertragen werden.
    Super Nachwuchsförderung … super Öffentlichkeitsarbeit für den Nachwuchs …
    Wie war es denn 2017 – wurden diese beiden Nachwuchs-Rennserien diesmal übertragen? Würde mich mal interessieren – aber die Antwort erahne ich eh schon.

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