Kolumne: Warum die Seitenwagen unterschätzt werden

Seitenwagen-Piloten sind das nicht diese Verrückten auf drei Rädern? Seitenwagen, gibt es die eigentlich noch? Seitenwagen, das ist doch kein vernünftiger Sport! So oder anders sind oftmals Kommentare oder Meinungen, die Ahnungslose über die Seitenwagen haben. Dabei ist der Gespannsport einer der meist unterschätzten Motorsportserien, die ich kenne!

Warum dies so ist, mag einem keiner so wirklich erklären können. Dabei ist man sofort Feuer und Flamme, wenn man die Kurvenakrobaten einmal live bei einem Rennen gesehen hat. Zu Anfangszeiten des Rennsports waren die Gespanne nicht aus dem Programm wegzudenken! Wenn man sich noch an die Zeiten erinnert, wo es noch von der Natur gegebene Rennstrecken gab und keine auf dem Blatt Papier geplanten Rundkurse mitten in der Pampa! Strecken, wie Schleiz, der alte Sachsenring oder Assen,… und Rennsportler, bei denen es um den puren Rennsport ging. Weltmeister, die auf der grünen Wiese im Zelt campierten und zum Anfassen nah waren. Ein Fahrerlager, das mehr einer Familie glich als harten Konkurrenzkämpfen und geschlossenen Boxentoren.

Familie… Ein Gefühl was bis heute im Seitenwagensport gleich geblieben ist, egal wie sich das drum herum, an Strecken, Reglements oder Fahrern verändert hat.

Der Seitenwagen-Sport ist auch heute noch ein sehr familiärer Sport und für jeden in irgendeiner Weise erlebbar, spürbar oder sogar mitfahrbar! Wo gibt es dass schon, das Fahrer aus der Weltmeisterschaft, Deutschen Meisterschaft mit Fahrern/Beifahrern, die noch nicht lange im Boot sitzen gemeinsam Trainings fahren, sich austauschen und gemeinsam Rennen bestreiten? Dies gibt es in keiner MotoGP und in keiner WSBK, auch wenn hier und dort von Neulingen und Rookies die Rede ist. Doch wirklich ausgetauscht wird sich nicht! 

Mit den Seitenwagen ist das eben anders. 

Wo gibt es das schon, dass man sich gegenseitig auch einmal unter die Verkleidung schauen darf oder mitstudieren wie ein WM-Team einen hoch gegangenen Motor innerhalb von zwei Stunden wechselt und einbaut?

In welchem Fahrerlager der Welt hilft man sich so selbstverständlich aus, wenn ein Reifen, ein Ersatzteil, eine Schraube oder manchmal wenn ein Beifahrer fehlt? Sportsgeist und Fairplay statt „Jeder macht sein Ding.“ Natürlich gibt es auch hier diejenigen, die überehrgeizig sind, sich überschätzen und sich aufgrund gutem finanziellem Support mehr Ausfälle leisten können, als ein kleines privat finanziertes Team. Solche und solche gibt es eben in jeder Sportart! Leben und leben lassen. Hier darf jeder sein was er sein möchte, hier darf jeder auch einfach nur da sein ohne Sorge zu haben, ein bestimmtes Punkteziel erreichen zu müssen.

Wenn die Ampel aus geht und die Gespanne auf der Start-Ziel-Geraden davon jagen, sind sie alle gleich. Und wenn das Rennen vorbei ist und das Visier wieder hochgeklappt wird, gibt es nur ein gemeinsames Gefühl. Ein Herzschlag für den Sport. Da wird gemeinsam ausgetauscht, sich abgeklopft, jeder beglückwünscht. Da werden Tipps weitergegeben und gemeinsam ausgewertet, wann in welcher Passage man hätte schneller sein müssen, wann man hätte welche Linie fahren sollen oder wann der Beifahrer seinen Hintern besser auf der anderen Seite hätte haben sollen. Es wird gemeinsam der Sieger gefeiert und anschließend wird gemeinsam teamübergreifend seine sieben Sachen zusammen gesucht und alles abreisefertig vorbereitet. 

Was schade ist, ist das die „Großmedienwelt“, für die in der Regel die Berichterstattung, die Mühe/die Reise zum Austragungsort nicht Wert ist, sich vor diesem Sport manchmal nahezu verschließt. Es ist in der Regel mehr Aufwand über den Gespannsport zu berichten. Jede Veranstaltung ist anders, jede Strecke ist anders ausgestattet. Mal gibt es technischen Support, mal eben nicht. Oftmals steht man selbst in der einen oder anderen Kurve und versucht die Überholmanöver und Kämpfe mit dem bloßen Auge zu verfolgen, da es eben keine streckenumgreifende Übertragung auf dem Bildschirm gibt. Und die Stimmen für einen Artikel selbst sammeln muss, da es keine Pressekonferenz gibt. Ja es ist alles anders, vielleicht nicht mit soviel Blitzlichtgewitter und Glanz und Gloria, dafür jedoch pures Racing! Auch für unsereins ist der Kontakt zum Team/Fahrer/Beifahrer näher, vertraulicher, familiärer als in jeder anderen Welt-Sportart!

Ein Problem im motorsportscheuen Deutschland ist eben, dass uns der Fußball und maximal noch die Formel 1 näher sind als Zweiräder oder Dreiräder jeglicher Art. Warum dies so heute so ist, kann ich nicht erklären und manchmal auch schwer nachvollziehen, sehe ich die Bilder und Begeisterung der Menschen von vor 50 Jahren und sehe ich die Begeisterung in einzelnen Gesichtern auch heute noch. Das Feuer lodert nach wie vor! Der Motorradrennsport ist in meinen Augen nicht verloren!

Und vielleicht lässt sich, der ein oder andere auch noch infizieren? Möglichkeiten gibt es dafür ja in der eben erst begonnen Saison der – IDM Sidecar / Seitenwagen-WM  / Sidecar Trophy / bei der Isle of Man / der holländischen Meisterschaft / Klassikveranstaltungen und Bergrennen mehr als genug!

Text und Fotos: Doreen Müller

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Kommentare (11)

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    Iris Vollhardt

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    Doreen, Du sprichst mir so aus dem Herzen! Mögen ganz ganz viele Deinen Artikel lesen und darauf hin wenigstens versuchen, mal rein zu schnuppern, auf die „Gefahr“ hin, tatsächlich auf den Geschmack zu kommen!

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    Helmut Würtz

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    Super Motorsport ,auf jeden Fall spannender wie F1
    Ich liebe den Side Car Rennsport , war selbst mal in den 70 er Jahren Schmiermaxe damals noch auf BMW und danach auf Yamaha das war eine riesen umstellung

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    Rosine Coppieters

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    Das is genau so. . . Mehr kann ich nicht zufugen . Genau richtig . Gut und aus den herz geschrieben , mit liebe fuer duesen Sport. Ob es jetst anfanger sind oder WM leute fuer alle RESPECT Gratuliere Doreen .Super !!!!!💞💖💖💞

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    Martin Franitza

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    Hallo Doreen,

    toller Text. Die Gründe, warum in Deutschland die Gespanne im Abseits stehen, sind vielfältig und haben manchmal sehr banale Ursachen. Diese Diskussion würde aber hier zu weit führen (können ja mal in Schleiz drüber diskutieren). Wir alle können nur hoffen, dass Deine Begeisterung und Liebe zum Sport lange erhalten bleibt und Du mit noch vielen Berichten und Reportagen dem Abwärtstrend entgegen wirkst.

    Martin Franitza

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    Albert Raesfeld

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    Guter Bericht. So muss es sein.

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    Andreas Kolloch

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    Suuuper treffend geschrieben Doreen. Du sprichst mir und sicher der ganzen Sidecarszene voll aus dem Herzen. Danke für diesen wunderschönen Artikel.

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    JW Nijland

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    Superrrrrrrr……….!!!!!!!

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      Rolf Steinhausen

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      Ein super Bericht. Wir haben viele schnelle Solofahrer im Boot mitgenommen. Unter anderen Fahrer wie Webster, Biland, Jörg ich selber, so auch andere. Man frage mal die mitgenommen z.B. Herweh, S. Nebel, R. Wallmanns und viele mehr. Wer einmal mit diesem Sport zu tun hatte, lässt die Finger nicht mehr davon. Freue mich noch immer dabei zu sein.

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    Eckart

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    …gut daß wir unsere Doreen vor Ort haben…. Bei aller Unbemerktheit durch die Öffentlichkeit der doch überschaubaren Szene, ist es die Unabhängigkeit die uns diese Position ermöglicht. Wir können so sein wie wir sind, so rumlaufen wie wir sind, so reden wie wir sind, Dinge regenl wie sie die Situation gerade erfordern, ohne einem Medien- oder Sponsorpartner gerecht zu werden. Je mehr Aufmerksamkeit umso geringer der Bewegungsraum, geistig wie körperlich.

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    Günter Beyer

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    Ein ganz toller Bericht. Man spürt die Begeisterung für diesen Motorrad Sport. Ja, leider wird über Seitenwagen Sport viel zu wenig berichtet und schon gar nicht im Fernsehen übertragen. Dabei ist es der mit Aktion und Fastination geladene Sport den man sich vorstellen kann.

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    Bettina Pohl

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    Hallo Doreen, da hast du einen super Bericht geschrieben. Es ist ein fantastische Sport den jeder mal gesehen haben muss

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