Kolumne: Eine spanische Liebe in Jerez

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Wer nun erwartet, dass ich für Euch über meine persönlichen Favoriten in der Motorrad-Weltmeisterschaft schreibe, der wird mit meiner heutigen Kolumne wahrscheinlich enttäuscht werden. Es geht mir nicht um den neunfachen Weltmeister Valentino Rossi, zumal wie die Überschrift schon sagte ich mich auf eine spanische Leidenschaft beziehe. Allem Unmut der Rossi-Fans zum Trotz, nein es handelt sich nicht um Marc Marquez oder Dauer-Konkurrent Jorge Lorenzo, die in der Vergangenheit gern die Gemüter ganzer Fanscharen erregten.

Sicherlich hat jeder in den Medien tätige eine Idol im Rennsport. Das dürfen wir auch haben. Wir sind alle irgendwo Fans. Ich möchte mich jedoch einer ganz anderen Liebe widmen. Sie ist noch recht frisch und ziemlich beeinflussbar. Wie das eben so am Anfang ist. Und sie hat einen Namen, den man gern auch einmal falsch ausspricht, besonders wenn man wie ich nicht der spanischen Sprache mächtig ist. Aber allen Sprachbarrieren zum Trotz. Liebe kennt eben keine Grenzen.

Jerez. Genauer gesagt der Circuito de Jerez, in der Provinz Cadiz im Süden Spaniens.

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Für mich als „Medienneuling“, denn nach knapp einem Jahr im Business kann ich mich durchaus noch so bezeichnen, war der Circuito de Jerez eine neue Erfahrung und so kann ich ganz anders meine Eindrücke schildern, als jemand der vielleicht schon seit 20 Jahren den Motorrad Grand Prix besucht. Dabei gibt es auch für die ältere Riege der Pressevertreter oder Fahrerlagergäste sicherlich einiges Neues zu entdecken. Wie das Denkmal von Nobuyuki Wakai, welches mittlerweile außerhalb des „Innercircles“ am Rande des Fahrerlagers steht. Früher war jene Flamingostatue, im Paddock neben einer Gaststätte platziert und wurde für bestimmte Geschäfte genutzt, die, aus Gründen des Respekts allein, schon nicht an einem Denkmal verrichtet werden sollten. Aber die Spanier fanden hierfür eine Lösung und Wakai’s Flamingo einen ruhigeren Platz. Doch es gibt auch andere Denkmäler in Jerez, jene die in den einzelnen Kurven der 4,432 km Strecke zu finden sind und die einem nur näher ins Auge fallen, wenn man die Strecke zu Fuß begeht.

Allerdings können viereinhalb Kilometer zu Fuß lang sein, besonders wenn einem der ein oder andere joggend, auf dem Rad oder mit dem Roller überholt. Dafür kommt man voll auf seine Kosten, nicht nur aus rein sportlicher Sicht, allein die Ein- und Ausblicke sind lohnenswert. Der Asphalt unter den Füßen, der blaue Himmel über einem, die Landschaft Andalusiens in die, die Strecke sanft eingebettet ist links und rechts, das Gefühl – hier fahren sie in ein paar Stunden entlang und fighten miteinander… vielleicht gleich da vorn in der Àlex Crivillé-Kurve oder bei einem spannende Schlußfinish wenn sie in Turn 13 runter bremsen und dann nochmal voll das Gas aufziehen um vor der Konkurrenz die Ziellinie zu überqueren. An mögliche Stürze auf der anspruchsvollen Strecke mag man dabei nicht denken. Es gibt so viel anderes was einem bei dem einstündigen Spaziergang durch den Kopf geht und viele Bilder, die man nicht nur mit der Kamera macht.

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Zu Fuß auf dem Circuit lernt man eine Strecke genauer kennen als man es von der Tribüne oder dem Fernsehgerät aus sehen kann. Und zu Fuß kann man sich auch schon mal in das Stückchen spanischen Asphalt verlieben. Sicherlich hat der Rennsportkalender noch viele atemberaubende und vielleicht auch spannendere Strecken zu bieten, wenn man u.a. an Philipp Island denkt. Geschmäcker sind verschieden und das ist gut so. Und mein Geschmack  fühlte sich von allen europäischen Circuits durch diesen hier besonders angesprochen. Idyllisch gelegen, fühlt man sich bereits bei der Anreise mit dem Mietwagen von der andalusischen Landschaft bezaubert. Alles klein – nicht zu klein aber eben kompakt beieinander. Schöne Kurvenlagen. Stimmungsgeladene Atmosphäre (trotz deutlichem Besucherzahlen-Einbruch 2016) und zahlreiche freie Sichtflächen. Zu den Tribünen an der Strecke und Natürtribünen hat der Circuito de Jerez einen Aussichtstum mit Überblick auf die Strecke und mehr als genügend Stellen im Fahrerlager, von denen man das Rennen nah dran verfolgen kann.

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Die Besucherströme sind hier an sich zwar nicht anders als in den anderen rennsportverrückten Regionen Spaniens und Italiens. Tausende Besucher strömen besonders am Sonntag zu Strecke oder verwandeln die Gegend um den Circuit am Ende des Tages in eine feiernde, spanische Flaggen schwingende Meile und die Innenstadt von Jerez in eine private Teststrecke für Zweiräder. Auch der eigene Lärmpegel wird mehreren Tests unterzogen. Für übernächtigte Jungredakteure, die am nächsten Morgen um 7:00 Uhr aus dem Bett fallen um dem Verkehrschaos zu entgehen und zügig zur Strecke kommen wollen, nicht immer einfach, doch es gehört dazu.

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Ehrlich gesagt viel Schlaf bekam ich in Jerez eh nicht. Für mich ist es immer noch wie bei meinem ersten Event. Von Tag eins bis zum Rennsonntag bin ich aufgeregt und sauge das komplette Umfeld in mich auf, mache Fotos mit den Augen und genieße die Atmosphäre. Nicht einmal der wolkenverhangene Trainingstag oder der grau-neblige Sonntagmorgen sorgte dafür das ich mich wieder entliebte. Auf Nebel folgte Sonnenschein und somit zeigte sich Jerez wieder von seiner schönsten Seite, die Show konnte los gehen, die jungen Wilden konnten los gelassen werden, die Rennen konnten starten und Valentino Rossi konnte an diesem Tag seinen ersten Sieg in dieser Saison feiern. Vielleicht weil er an diesem Wochenende die bessere Taktik oder das bessere Bike hatte. Vielleicht weil er die Strecke gut kennt und hier oft schon stark war? Oder vielleicht weil er sich auch ein wenig, wie ich, in Jerez verliebt hat… in ein kleines Stückchen Asphalt in Südspanien. 

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Text: Doreen Müller

Fotos: Tobias Linke (Circuito de Jerez), Maria Pohlmann

 

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Kommentare (2)

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    Jochen

    |

    Super geil geschrieben.
    Das steckt an und man Lust auf mehr.
    ICH WILL NACH JEREZ!!!!!!!

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    Claudi

    |

    Wirklich ein toller Bericht 🙂 mach weiter so!!!

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