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Kolumne Brünn-GP: Alles einmal auf tschechisch bitte!

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Darf man eigentlich in einer Kolumne auch einmal schreiben, was man nicht mag, anstatt einen Fahrer oder eine Strecke in den Himmel zu loben? Darf ich Euch schon im Vorfeld mein Fazit verraten? Ich habe mich entschlossen, genau dies nach dem vergangenen Wochenende zu tun. Denn nach dem perfekt durch gestylten Grandprix in Spielberg erlebte mich in Brünn das exakte Gegenteil. Gemessen an dem, was ich in diesem Jahr schon erleben durfte, war der Grand Prix in Tschechien für mich – bis auf den sportlichen Aspekt – eher enttäuschend,…

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Dabei geht es ist hier nicht um das Wetter, was einem die Stimmung etwas vermieste, denn für Regen oder widrige Bedingungen kann ja nun wirklich keiner etwas! Aber es ist eben auch nicht immer alles eitel Sonnenschein, auch wenn die zahlreichen Fotoaufnahmen dies gern verdeutlichen wollen! Und irgendwann kann auch jede noch so gut gemeinte Jubiläumsfeier nicht die Makel verstecken, die es bei dem tschechischen Event durchaus leider gab. Ehrlich gesagt, sind selbst wir verwöhnte uns im Pressezentrum den Hintern breit sitzenden Presseleute (so die landläufige Meinung) anderes schon gewohnt, als bei jeder Rennsportveranstaltung alles super vorbereitet vorzufinden. Selbst bei den 24h Rennen von Le Mans ist man manchmal nicht auf alles vorbereitet, weder auf die extrem kalten, regnerischen Wetterlagen, die es dieses Jahr gab noch auf technische“Ausfälle“ am Bildschirm und die Verpflegung bezahlt man selbst am Automaten… alles Dinge, die mich doch herzlich wenig störten, da der Grundcharakter stimmte. Eines war überall von der Sidecar Trophy in Most oder Rijeka über die EWC in Le Mans bis hin zu Jerez, Sachsenring und Österreich anders bzw. mal mehr oder weniger stark vertreten und ist doch für das Gelingen eines Events für mich mit-entscheidend: das Willkommens-Gefühl und die Leidenschaft für die Sache. Etwas, dass mir an diesem ganzen Wochenende in Brünn fehlte!

Eh hier Aufschreie aufkommen, nicht willkommen? Keine Leidenschaft? …“Die hat doch was falsch gemacht!“ Brünn ist DIE Traditionsstrecke zu der schon Opa, Vati, Onkel, Tante seit Lichtjahren zum Grandprix fahren und vielleicht schon seit eben so vielen Jahren Kontakte in der Region pflegen, die freundschaftlich, herzlich, erwärmend sind… Die Strecke in Südmähren ist eine Anlage wie keine weitere im Rennsportkalender und zieht mit ihren Naturtribünen zahlreiche rennsportbegeisterte Fans an, die Jahr für Jahr auch aus Deutschland und den umliegenden Länder zur MotoGP pilgern. Viele Fans die anreisen, pflegen ähnlich wie am Sachsenring eine lange Tradition mit Brünn. Fahren all die Jahre meist in die gleiche Pension, in den gleichen Ort  zu Menschen, die bereits enge Freunde geworden sind und einen gastfreundschaftlich begegnen. Für Menschen, die nicht so eine Tradition haben oder nicht über diese erwärmenden Kontakte verfügen, ist Brünn jedoch eher enttäuschend und vielleicht für den ein oder anderen, der direkt von Spielberg kam, ein absolutes Kontrastprogramm oder wie ein Kollege sagte: „Kulturschock“. Natürlich darf man nicht außer Acht lassen wer den Red Bull Ring finanziert, für Wohlfühl-Gefühl braucht es in erster Linie jedoch keine Millionen! Es braucht Liebe!

Und hier fehlte es irgendwie einfach an Liebe, an Liebe im Detail. Und es fehlte an sprühender Freude und an Interesse. Dabei beginnt es bei so kleinen Dingen. Nebensächlichkeiten. U.a. wenn ich abends in Spanien, Italien oder gar in Deutschland beim GP (auch wenn Chemnitz nicht DIE Metropole schlecht hin ist) einkehren möchte, um den Tag zu beenden, werde ich empfangen, kann speisen, kann in Ruhe mein Feierabends-Bier/Radler/Wein trinken. In Brünn ist hingegen spätestens um zehn Schluss. Man wird aus dem Lokal komplementiert und hat dann weniger Lust sich noch eine weitere Gastlichkeit zu suchen. Auch in anderen Kneipen sieht es ähnlich aus und zu späterer Stunde ist die Suche nach essbaren wie eine Schnitzeljagd. Am Wochenende mit der grössten Rennsportveranstaltung im Jahr ist dies schon etwas verwunderlich, dass Gäste am Abend nicht mehr gern gesehen sind. Der Kunde ist nun mal nicht überall König und man wird gern selbst von A nach B geschickt.

Auch an der Strecke selbst wirkte die Ausrichtung auf mich eher lieblos und nur auf das Nötigste ausgerichtet. Zwar muss der Hintern nicht grad auf Marmor sitzen, aber es ist in Brünn erkennbar, dass nicht gern Geld in die Hand genommen wurde, um es seinen internationalen „Gästen“ schön zu machen. Während die Schönen und Reichen sich ihren Platz im VIP-Bereich für gutes Geld erkaufen und dort ihnen alles geboten wird, nimmt der Ottonormal-Gast das was eben da ist. Den Zweck erfüllt es, es ist ausreichend! …aber auch mit wenig Liebe arrangiert und wenig gepflegt. Es scheint so als hat die Anlage die besten Jahre hinter sich, dabei geht es nicht um Gold und Glamour sondern um „Wir freuen uns das Ihr da seit“. Wie lange wird sie noch mit ihren Konkurrenten mithalten können und gegen Austragungsorte wie u.a. Spielberg bestehen, die eine ganz große Show abgezogen haben? Längst drängen sich andere Interessenten auf und würden sich nur zu gern um eine Austragung bewerben. Sicher ist es immer auch eine Frage des Geldes, das ist es immer und an dem scheitert es auch oft, aber diese Problematik hat jeder Austragungsort zu bewältigen.

Auch unter den Medienkollegen sinkt das Ansehen der Strecke mehr und mehr, denn so oft wie am vergangenen Wochenende habe ich selten negative Äusserungen gehört. „Es ist alles alt“, „Es wird nichts gemacht“, „Die sind hier halt unfreundlich!“. Natürlich ist es wie in jedem Beruf, dass man schöne und nicht schöne Dinge einfach auch mal hinnehmen muss. Und für viele sieht es generell so aus, als befänden sich Sportfotografen oder Sportjournalisten permanent im „Urlaub“. Dabei ist das Ganze eine stressige Angelegenheit, bei Wind und Wetter hetzen die Kollegen an die Strecke, um die Strecke, durch das Fahrerlager, zu Presseterminen, Konferenzen usw. um die Wünsche ihrer Auftraggeber zu erfüllen. Je näher das Rennen rückt umso weniger bleibt ihnen die Zeit um Luft zu holen, mal einen Kaffee zu trinken oder sich etwas gescheites zu essen zu besorgen. Um so schöner, wenn es dafür im Pressenzentrum, dem Treffpunkt, der Zentrale einen Ort gibt, an den man sich im vorbeigehen bedienen kann und sich kurz wohlfühlt eh es weiter geht. Österreich hat sicherlich einen hohen Maßstab gesetzt, dem es schwer wird  zu folgen. Aber es braucht auch keine zweite 4-Sterne-Veranstaltung sondern einen tschechischen Grandprix wie man ihn von den ersten Jahren kannte.

Für mich hat Brünn nach wie vor viel Potenzial, was jedoch so wenig genutzt wird. Aber auch im nächsten Jahr findet hier wieder ein Grandprix statt und auch im nächsten Jahr werden viele Rennsportenthusiasten nach Brünn reisen, um dem schönsten Sport der Welt ganz nah zu sein. Und vielleicht nutzt Brünn dann im nächsten Jahr die Chance genau das zu vermitteln… und übrigens kann sich letztlich selbst ein Spielberg ein was nicht erkaufen und das ist Tradition, davon hätte Brünn reichlich und davon kann Brünn gern mehr zeigen!

Text und Foto: Doreen Müller

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