Kolumne: 24 H in Le Mans – „Das mach ich nie wieder!“

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24 Heures du Motos in Le Mans! 24 Stunden vor Ort! Nirgendwo habe ich bisher den Motorradrennsport intensiver erlebt als in Frankreich auf dem Bugatti-Circuit. 24 Stunden, in denen alles dabei war und 24 Stunden, die mich fasziniert haben und mich haben noch mehr verstehen lassen, was die Faszination Langstrecke ausmacht!

Lange vor meiner eigenen Anreise waren 57 Langstreckenteams bereits seit Montag vor Ort und haben sich häuslich eingerichtet. Für viele fing der Event bereits bei der Anreise nervenaufreibend an. Defekte Transporter, vergessene Unterlagen, Stau, Missverständnisse mit dem französischen Straßen- oder Schildersystem oder einfach die Abwesenheit von Ausschilderungen haben einen schon fast etwas verzweifeln lassen. Bei so einem logistischen Großevent konnte echt einiges schief gehen, egal wie gut man sich vorbereitet hat.

Schaffen wir alles? Werden wir rechtzeitig fertig? Ist alles da? Sind alle fit? Haben wir die richtige Fahrerwahl getroffen? Ist das Bike gut? Wird es durchhalten? Fragen, Fragen, Fragen, die sich erst im Laufe des Rennens beantwortet haben und nicht in jedem Fall ein Happy End fanden. Kann man zu Beginn nicht genügend Zeit haben und wünscht sich auch mal Regen um die Reifenwahl optimieren zu können, schaute man spätestens nach dem Start bangend gen Himmel und hoffte dass, das Wetter gnädig mit seinen Fahrern war. Und gnädig waren die Aprilschauer und die Nachtkälte sicher nicht! Schon allein dies nötigte mir gehörig Bewunderung ab. Presse, Media und Fans hatten die Möglichkeit für ein paar wenige Stunden ins Warme zu entfliehen, Crew und Fahrer hatten nur begrenzt die Chance sich aufzuwärmen.

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Demzufolge erlebte ich viele verschiedene Reaktionen, die sich im Gesicht meiner Gesprächspartner abspielten. Anfangs-Euphorie, Siegerstimmung, Schrecksekunden, besorgte Blicke, Hektik, Unzufriedenheit, Ungeduld, Unruhe, Müdigkeit, absolute Erschöpfung, Erleichterung, Stolz, Freude. Zwischendurch kam sicherlich auch mal der Gedanke auf „Das mache ich bestimmt nie wieder!“.

Ist das so, dass man sich diese Tortur nie wieder antut? Eine Frage, die mich beschäftigte als ich nachts 1.00 Uhr an der Strecke stehe und die Motorräder an mir vorbeiziehen sehe, Runde für Runde wie ein Uhrwerk. Oder als ich in das erschöpfte Gesicht, derjenigen Fahrer blickte, die nur noch zu zweit für ihr Team die Fahne hochhielten, weil der dritte Fahrer verletzungsbedingt ausgefallen war. Aber ich stellte mir diese Frage auch in den Momenten wo aus Führenden und Siegern aufgrund technischer Defekte Verlierer wurden.

Wie denkt man als Fahrer darüber, wenn einen die Müdigkeit und Erschöpfung im Griff hat, doch das Adrenalin einen noch voran treibt?

Wie denkt man darüber, wenn man das Podium im Blick hat und wegen einem technischen Defekt wenige Stunden vor Schluß aufgeben muss?

Was überwiegt?

Wann begreift man als Fahrer und als Teammitglied was man da geleistet hat? 24 Stunden im Kreis fahren, wie es Nichtkenner so schön beschreiben, das ist nicht einfach „nur“ im Kreis fahren. Es gehört viel mehr dazu und nirgendwo liegt Freud und Leid, Erfolg und Niederlage so dicht beieinander, wie bei so einem Langstreckenevent. Nirgendwo beweist sich mehr aus welchem Holz „Mann“ geschnitzt ist. Nirgendwo zeigt sich mehr wie gut Mensch und Maschine harmonieren oder der Fehler eines einzelnen einen weit zurückwerfen kann. Eine falsch angezogene Schraube, schlechte Reifen,  fehlende Konzentration. Vom Führenden zum Aus. Wenn man etwas lernt, dann das innerhalb der 24 Stunden nahezu alles passieren kann.

Man muss Entscheidungen treffen, für sich und für das ganze Team. Machen wir jetzt den Fahrerwechsel oder reicht der Sprit für noch eine Runde? Halten wir die letzten 19 Stunden auch mit nur zwei Fahrern durch oder geben wir auf. Schaffen wir es oder wird die Aktion für alle zu gefährlich. Es werden unmenschliche Kräfte abgerufen, bei Regen, Sonnenschein und gefrierender Kälte in der Nacht.

Und neben den Hauptakteuren gibt es viele Personen, die im Hintergrund da sind – ebenfalls 24 Stunden im Einsatz. Ebenfalls 24 Stunden voll bei der Sache, angespannt, unter Strom, die Nacht hindurch, immer dabei. Zittern vor Kälte oder Aufregung. Zu ihnen gehören Mechaniker, Zeitnehmer, medizinische oder therapeutische Kräfte (wenn man sie hat), Chefs und „Chefinnen“ und die Jungs und Mädels, die für die Teamverpflegung zuständig sind oder die Fahrer wecken, wenn ihr nächster Stint ansteht. 

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Die ganze Box wird zum Umschlagplatz, zur Schlafstelle, zum Strategieaustausch, zum Aufwärmort, zur Kaffeezentrale und zum Ersatzteillager.

Das 24 Stunden Rennen von Le Mans. Das ist kein Einzelkampf und kein Ort um sich selbst zu profilieren. So ein Rennen ist keine Soloshow, sondern eine Teamaufgabe!

Und auch wenn jetzt die Lichter auf dem Bugatti-Circuit bereits verloschen sind, die Boxen aufgeräumt, die Tafeln verstaut, der Sieger-Champus getrunken wurde, die Teams ihre Heimfahrt angetreten haben… Viele beschäftigen sich gedanklich schon mit dem nächsten Event und der Frage: Tun wir uns den Scheiß wieder an? … die Antwort ist längst klar.

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Text: Doreen Müller

Fotos: fimewc.com

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Kommentare (2)

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    Kawawolf

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    Das ist mal super geschrieben, der 24h Virus hat wohl neue Opfer gefunden…. Bin da schon über 30 J befallen!

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    Joachim Weis

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    Super beschrieben, trifft es genau !
    Gruß
    German Bimota Endurance Team

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