WSSP300: Exklusivinterview mit dem Mechaniker Stefan Bohms

Was tut ein Mechaniker in der Superbike WM? Sieht er viel von den Ländern? Stempelt er ein wenn er zur Arbeit geht? Wie sind die Arbeitszeiten? Viele Fragen die man sich stellt, wenn man genauer drüber nachdenkt, was denn hinter dem einzelnen Rennfahrer an sich für Arbeit anfällt und wer sie erledigt. Wir haben uns daher mit Stefan Bohms aus dem Nutec-Benjan-Kawasaki Team getroffen. Der Wilhelmshavener ist schon seit Jahren “im Geschäft” des Superbike Paddocks tätig und gab uns interessante Einblicke in den Berufsalltag eines Mechanikers.

Zur Person

Stefan, fangen wir ganz am Anfang an. Wie bist Du eigentlich zu deinem Mechanikerjob gekommen?

Vor ungefähr 12 Jahren war ich hier bei den “Trackdays” in Assen und bin selber gefahren. Parallel trainierte auch eine Holländerin auf ihrem Junior Cup Motorrad. Sie stürzte im freien Training und ich erkundigte mich bei Ihren Eltern wie es ihr ginge. So kamen wir ins Gespräch und als ich zuerst nur so ein wenig Sponsor von ihr war, wurde ich im selben Jahr noch Mechaniker bei ihr und fuhren diverse Meisterschaften (IDM, ONK, BSB etc). Insgesamt ging der Job bei ihr knapp 9 Jahre lang, ich habe aber nebenbei auch noch anderso gearbeitet, aber fast immer für Holländer aufgrund der Nähe von meinem Zuhause aus.

Was macht Dir an dem Job am meisten Spaß?

Das ganze Umfeld mit den Menschen hier, auch aus anderen Teams. Man lernt viele Leute kennen, was mir auch wichtig ist. Und die Arbeit an neuen Motorrädern macht mir Spaß. Du hast kein Gammel, kein Rost, keine Schmiere, sondern alles ist schön sauber!

Stefan bei der Vorbereitung des Motorrads für die nächste Session

Was ist der persönliche Anspruch an Deine Arbeit?

Mein Anspruch ist klar die Sauberkeit, aber vor allem die Sicherheit am Motorrad. Das fängt bei der Kette an und hört bei der Bremse auf. Du musst hier hoch professionell arbeiten, da du für den Fahrer verantwortlich bist. Alles muss zu 110 Prozent in Ordnung sein, ansonsten bist du hier extrem Fehl am Platze und solltest besser zu Hause bleiben. Ich hab da für mich auch eine persönliche Checkliste, welche ich immer wieder abarbeite und kontrolliere.

Wie viele Tage im Jahr bist du zu Hause?

Also im letzten Jahr z.B. war es sehr stressig muss ich sagen. Da war ich an 26 Wochenenden bei Rennen, welche sich aus Einsätzen bei der World Superbike, der BSB und der holländischen Meisterschaft zusammensetzten. Wenn ich dann zu Hause bin muss ich natürlich auch arbeiten und verkaufe Ersatzteile von z.b. zerlegten Unfallwagen. Hier habe ich eine eigene Firma mit nem Kollegen zusammen.

Hast Du eine Familie und Kinder zu Hause?

Nein, aufgrund des vielen Reisens und fort sein von zu Hause ist das aktuell eher schwierig.

Das tägliche Leben eines Mechanikers

Wie sieht Dein Tagesablauf an einem Rennwochenende aus?

Morgens um halb 8 rappelt meist der Wecker und ich mache als Erstes die Reifenwärmer an, damit diese auf Temperatur kommen. Danach gehts zum Frühstück. Anschließend werden die Dinge erledigt, welche den Vorabend evtl. noch nicht erledigt werden konnten. Jetzt ist meist Zeit ein wenig durch das Paddock zu gehen und zu gucken was sich bei anderen Teams verändert hat, was man vielleicht für sich nutzen kann.

Gibt es bei Dir gewisse Arbeitsmuster nach denen Du vorgehst?

Also hier ist alles straff geregelt. Es ist aufgeteilt in Datarecording, Fahrwerk, Reifen, Mechanik, Teammanager etc. Alles ist separat aufgeteilt. Es gibt immer ein Briefing und das Ergebnis wie z.B. die Übersetzung ändern wird mir dann zugetragen und ich bin für die Arbeiten am Motorrad verantwortlich. Außerdem bin ich der direkte Ansprechpartner, wenn der Fahrer in die Box kommt und direkt irgendwas verändert werden soll.

Richtige Absprachen zwischen Fahrer und Team sind u.a. bei Boxenstops immens wichtig

Wo übernachtet Ihr als Mechaniker?

Wir übernachten in dem Trailer vom LKW. Es gibt 5 feste Schlafplätze und eine Klimaanlage, also alles top! Im Team sind wir ca 15-20 Mitarbeiter, wovon halt 5 Leute, darunter auch der Teamchef und der Catering Chef, im Trailer mit schlafen. Der Rest ist in Hotels oder je nach dem auch zu Hause untergebracht.

Bekommt Ihr von den Ländern, in die Ihr reist eigentlich was von der Kultur etc. mit?

Nein eigentlich gar nichts. Du siehst aus dem Flugzeug die Stadt noch, aber ansonsten ist dafür sehr wenig Zeit. Du fährst direkt zur Rennstrecke und nach dem Wochenende direkt wieder zurück.

Die Arbeit an einem Rennwochenende

Wer bestimmt bei der Abstimmung des Motorrads die Marschrichtung? Sind das die Fahrer, ihr oder sogar bei den jungen Piloten die Eltern, welche ein Wörtchen mitreden?

Also Eltern ist schwierig, sag ich mal so. Die sollten eigentlich nichts zu sagen haben bei dem Thema. Dafür ist unser Team doch professionell genug, um sich mit dem Fahrer so abzustimmen, dass er vorankommt. Bei jungen Piloten ist es manchmal schwierig, da sie aufgrund mangels Erfahrung noch nicht wissen, an welchen Stellschrauben sie drehen müssen. Hier muss das Team mehr führen.

Wie löst ihr “Sprachbarrieren” bei euch im Team?

Also da wir ein niederländisches Team sind spreche ich fließend Holländisch, dazu natürlich Englisch und Deutsch. So kann ich mich im Team mit allen super verständigen.

Rennsport wird ja auf unterschiedlichen Ebenen betrieben. Sind die Anforderungen an einen Mechaniker im internationalen Rennsport anders als im nationalen?

Nein die sind gleich. Natürlich gibt es bei der Professionalität von Team zu Team Unterschiede, wo es bei einem weniger gut aufgestellten Team schon eher etwas rustikaler zugehen kann. Die Arbeit aber bleibt dieselbe und du gibst auch immer über 100% für dein Team.

Hier wird nach einem Sturz das Motorrad wieder “fit” gemacht

Was denkst du wenn einer deiner Piloten stürzt? Siehst du eher die “Mehrarbeit” die auf dich zukommt oder siehst du es als Herausforderung an?

Also erstmal ist es wichtig, dass es nach einem Sturz dem Fahrer gut geht. Was nachher an Schrott zurückkommt, was die Kosten sein könnten etc. da denkt man nicht drüber nach. Die Arbeit wird einfach erledigt.

Führt ihr zu jedem Rennen für den Fall eines Sturzes ein großes Ersatzteillager mit euch?

Ja das Ersatzteillager ist prall gefüllt und wir könnten locker ein zweites Motorrad pro Fahrer aufbauen. Sturz- und Verschleißteile ist alles kistenweise vor Ort, da gibt es keinen Engpass.

Das Regelment in der Supersport300 WM ist ja relativ umfangreich. Gibt es da für Mechaniker, Teammitglieder etc. zu Beginn der Saison vielleicht irgendwelche Schulungen und wie sieht es mit Kontrollen zur Einhaltung des Regelemnts aus?

Also das Motorrad kommt immer dem Reglement entsprechend an die Rennstrecke. Was das Reglement an sich betrifft, ist es aber manchmal so ein bisschen “wischiwaschi”. Du hast da vielleicht mal einen Paragraphen und irgendwann später dann einen Absatz, der vielleicht diesen Paragraphen aufhebt. Da gibt es Grauzonen. Findest du diese, kannst du dir evtl. einen kleinen Vorteil erarbeiten. Gut wir haben ein Mindestgewicht und eine Maximaldrehzahl, da kann man nichts dran rütteln. Aber eine große Schulung oder so von Seiten der Dorna gibt es nicht. Kontrollen gibt es relativ oft. In Assen gab es im Parc Ferme Kontrollen über die Drehzahl, in Aragon wurde nach dem Rennen das Gewicht gemessen. Ich denke Kontrollen sind sehr wichtig, schließlich will man ehrlich gewinnen!

Der niederländische Pilot Walid Khan mit seinem Team kurz vor dem Start ins Rennen von Imola

Wenn es zur Startaufstellung geht an einem Renntag. Was ist dein Basisequipment welches du mitnimmst?

Ganz normalen “Handwagen”. Dort ist ein Aggregat drauf für die Reifenwärmer, die Reifenwärmer selber, Böcke zum anheben des Motorrades, Werkzeug für die nötigsten Reparaturen und Luftdruckprüfer. Bei der Superstock1000 hatten wir im letzten Jahr immernoch einen neuen Hinterradreifen mitgenommen und ihn nach der Einführungsrunde aufgezogen, da die 1000er doch mehr an der Kette ziehen.

Der ganze Rennsport ist natürlich immer viel mit Kosten verbunden. Was kostet so eine Saison ungefähr für ein Team?

Also in der Saison 2017 haben wir insgesamt 4 Motorräder gehabt: 3x in der Superstock1000 Klasse und 1x in der Supersport300WM. Da sprechen wir von einem ungefähren jährlichen Budget von 400.000 Euro, was dann so das ganze Jahr kostet mit Flügen, Reifen, Mechaniker etc.

 

 

Text: Sebastian Lack

Fotos: Dominik und Sebastian Lack

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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