24h Le Mans: Gert56 HMT „Bewusst Kurve um Kurve“

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Als Riders Coach und Koordinator unterstützt Frank Heidger das GERT56 HMT bei den 24 Heures du Mans und gibt den Langstrecken-Fahrern zahlreiche Hinweise und Tipps, wie sie gut über die Runden kommen. Im Vorfeld haben wir uns mit Heidger unterhalten und ihn gebeten uns einmal zu schildern, welche wichtigen Dinge es in der Langstrecke, besonders bei den Nachtfahrten zu beachten gilt.

„Wenn man bedenkt, dass der Großteil unserer Fahrer die erste Erfahrung mit Nachtfahrten beim Training gemacht haben, lief es für uns ganz gut. Alle drei waren dabei cool geblieben und haben gute Leistungen abgeliefert,“ so der Freiburger. “ Als Instruktor bei den Hafeneger Renntrainings weiß „Franky“, wie er von den meisten genannt wird, wovon er spricht. „Wenn du noch nie in der Nacht gefahren bist, ist es wichtig einen Streckenaufschnitt zu machen. Das heißt jede Kurve sich aufzumalen.“ Dies habe der ehemalige erfolgreiche Rennfahrer selbst von seinem Riding Coach erst lernen müssen. „Am besten kann man eine Strecke kennenlernen in denen man sich die Punkte zuvor markiert, wo fahre ich in eine Kurve rein, wo ist der Scheitelpunkt, wo bremse ich an und wo fahre ich wieder raus.“ Natürlich muss man als Fahrer zunächst erst einmal wissen wo diese Punkten in den jeweiligen Kurven liegen. Dabei unterstütze Heidger seine Fahrer nicht nur bei der Langstrecke, sondern auch bei den Renntrainings. 

„Als Riding Coach sind es solche Hinweise, die ich Jungs mit auf dem Weg gebe. Das ist die Kunst, dass du nach jedem Training etwas mehr weißt. Eine neue Rennstrecke perfekt zu lernen ist besonders für die Langstrecke wichtig. Hier musst Du diese Punkte finden und genau wissen wie Du sie abfahren kannst, Kurve um Kurve. “ Dass dieser Hinweis einem durchaus schnellere Rundenzeiten einbringen kann, zeigte das Training der Mannschaft in Portimao wenige Wochen zuvor. Petr Biciste, der diese Technik bereits anwendet, war eine Sekunde schneller als Teamkollege Didier Grams, welcher bisher nur auf sein fahrerisches Können vertraute und eigentlich der schnellere Fahrer, der beiden ist.

Besonders in Nachtsequenzen wie bei dem 24h Rennen von Le Mans sei es wichtig „seine Punkte“ sich eingeprägt zu haben. „Gute Fahrer fahren in der Nacht vielleicht eine Sekunde langsamer wie am Tag. Manche Fahrer bringen es sogar auf identische Rundenzeiten, wie am Tag, abhängig von Temperatur, Reifen, usw.“, erklärte Heidger weiter. Auch bei widrigeren Bedingungen, wie Regen und schlecht ausgeleuchteten Strecken helfe den Fahrern diese Präzision ungemein. „Ebenso hilfreich ist wenn Du in Deinem Rhythmus bist und Dich ein schnellerer Fahrer überholt. Oftmals leuchtet dieser vor Dir die Strecke nochmal aus und man kann ihm auf seiner Linie folgen und somit nochmal 1-2 Sekunden herausholen.“

Natürlich bewertet jede Fahrer seine Punkte unterschiedlich, abhängig von der Linie, die er fährt. Der Scheitelpunkt in der Kurve ist dabei jedoch oftmals nahezu immer der Gleiche und unterscheidet sich nur wenige cm voneinander. Für seine Hausstrecke in Oschersleben kennt Heidger somit alle Punkte in und auswendig. In Le Mans hingegen können die Fahrer eher voneinander profitieren und es findet, anders als im Solobereich der Austausch im Team statt. Die unerfahrenen Piloten lernen somit von den Teamkollegen, die, die Strecke besser kennen. Geheimnisse und Vorteile für sich behalten, gibt es hier nicht.

Rico Löwe, welcher aufgrund einer Verletzung nicht mit als Fahrer am 24 Stunden-Rennen teilnehmen kann, bestätigte diese Aussagen. Auch das präzise auswerten der Technik und der Gasgriffstellung gehört zu solchen „Hausaufgaben“ und Vorbereitungen für die Langstrecke. „Mir selbst ist es auch schon so ergangen, dass ich schneller als mein Teamkollege in eine Kurve reingegangen bin, nach der Kurve aber dennoch nicht schneller war als er, weil ich nicht besser raus beschleunigen konnte. Einzig die Art und Weise wie der andere dann die Kurve eingefahren ist, in dem Fall sogar langsamer und nicht so aggressiv wie ich, machte dabei den Unterschied. Das Data-Recording hatte mir in dem Moment gezeigt, dass ich viel mehr am Anfang riskiere als er und am Ende dennoch nicht schneller bin,“  so „Rixi“ Löwe über seine Erfahrungen in diesem Bereich.

Neben den eigenen Hausaufgaben, die jeder Fahrer bringen muss, gibt es natürlich auch andere kleine Details, die für einen reibungslosen Verlauf sorgen. Lesbare Boxentafeln und Laptimer gehören somit mit zu den wichtigsten technischen Geräten. Dabei ist es besonders mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 200km/h nicht einfach die digitale Anzeige zu erkennen, denn in nur wenigen Bruchteilsekunden müssen die Piloten bereits bei Einfahrt in die Start-Ziel-Gerade ihre betreffende Anzeige ausfindig machen. Letztendes sind es winzig kleine Details wie diese, die den Erfolg eines Teams bei den 24 Stunden von Le Mans ausmachen.

Text und Foto: Doreen Müller

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Kommentare (1)

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    Helmut Rebholz

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    Ich war 1979 auf der Nürburgring Nordschleife bei einer Zuvi mit meiner Ducati 900 SS am Start und wurde in der B-Lizenz 7ter von über 80 Startern. Meine Rundenzeit hätte bei der A-Lizenz zu Platz 3 gereicht. Der Ring war damals fast komplett im Nebel, eine Herausforderung, die ich so nie wieder erlebt habe. Umgehauen hat mich damals die Gesamtsiegerzeit von Helmut Dähne – wer denn sonst? – der uns allen fast eine Minute abgenommen hatte. Das wollte damals keiner glauben und hielten es für eine Fehlstoppung. Mitnichten, das weiß ich seit 1982, als ich Helmut Dähne bei einem Reifentest von MOTORRAD zusammen mit Wolfgang Schnepf wieder einmal auf dem Ring erleben durfte. Ich nutzte die Chance und habe Dähne nach seinem Geheimnis gefragt: „Ringkenntnis als erstes, doch damals bei jener Veranstaltung mit durchschnittlichen Sichtweiten um die 25 bis 40 Meter, musste auch ich zaubern. Durch meine vielen Testfahrten für Metzeler bei vergleichbarem Wetter habe ich mir anhand `eindeutiger´ und unverrückbaren Streckenbesonderheiten Zahlenfolgen von 1 bis 10, an manchen Stellen sogar von 1 bis 30 und mehr eingeprägt, wann ich den Bremspunkt, bzw. das Umlegen einleiten muss“. Also quasi Blindflug. Noch Fragen? Das hat mich stark beeindruckt und ich habe dieses System von Dähne für mich adaptiert. Es funktioniert nicht nur, es macht dich unschlagbar schnell – doch nur wenn Du die Strecke – insbesondere aber den Nürburgring – quasi auswendig und im Schlaf kennst. Ansonsten kann „das System“ im schlimmsten Fall nicht nur gefährlich sondern sogar tödlich sein. Viel Spaß beim Trainieren.

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